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Wechselwirkungen zwischen individueller und gesellschaftlicher VerantwortungMit dieser Wechselwirkung sind folgende Fragen angesprochen: Inwieweit trägt das Individuum durch seine Ressourcen zu einem selbstständigen, selbstverantwortlichen und persönlich zufrieden stellenden Leben bei? Und inwieweit kann es durch seine Ressourcen einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen leisten? Es ist aber auch umgekehrt zu fragen: Inwieweit fördert die Gesellschaft durch die Bereitstellung von Ressourcen ein selbstständiges, selbstverantwortliches und persönlich zufrieden stellendes Leben im Alter? Diese Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft sind für eine Politik für ältere Menschen insofern von Bedeutung, als sie zum einen die persönliche Verantwortung des Menschen für sein Alter thematisieren, zum anderen aber deutlich machen, dass diese persönliche Verantwortung nicht losgelöst vom umfassenden Kontext gesellschaftlicher Verantwortung für ein gutes Leben im Alter betrachtet werden darf: In welcher Hinsicht kann und muss die Gesellschaft die persönliche Verantwortung unterstützen? Wo liegen die Grenzen gesellschaftlicher Verantwortung? Die Kommission hebt hervor, dass der größte Teil älterer Menschen in der Lage ist, die Anforderungen im Alter selbstverantwortlich zu meistern, dass aber zugleich die Notwendigkeit der Unterstützung bei der Bewältigung dieser Anforderungen durch die Gesellschaft (vor allem durch das soziale Sicherungssystem) besteht. Die Antwort auf die Frage, in welchem Umfang Menschen auf Unterstützung angewiesen sind, bestimmt sich von deren Lebenslage her, die die objektiv gegebenen und subjektiv wahrgenommenen Ressourcen in der aktuellen Lebenssituation umfasst. Neben allgemeinen Aussagen zur gesellschaftlichen Verantwortung für ein zufrieden stellendes Leben im Alter – die sich vor allem auf die allgemeine soziale Sicherung des Menschen beziehen – sind auch differenzierte Aussagen zu treffen, die Art und Umfang gesellschaftlicher Unterstützung in spezifischen Lebenslagen betreffen. Die Notwendigkeit differenzierter Aussagen zeigt sich, wie bereits dargelegt wurde, vor allem beim Übergang des Menschen vom dritten zum vierten Lebensalter. Im vierten Lebensalter sind Menschen im Durchschnitt deutlich stärker auf eine umfassende gesundheitliche Versorgung sowie auf Leistungen des sozialen Sicherungssystems (zu nennen sind hier sowohl Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung als auch Leistungen der Gesetzlichen Pflegeversicherung) angewiesen. Damit ist aber nicht gemeint, dass Menschen im vierten Lebensalter kein selbstständiges, selbstverantwortliches und persönlich zufrieden stellendes Leben führen könnten. Damit ist auch nicht gemeint, dass nun die persönliche Verantwortung durch die gesellschaftliche Verantwortung ersetzt würde. Vie lmehr wird mit dem Begriff der erhöhten Verletzbarkeit zum Ausdruck gebracht, dass die Herausforderungen und Verluste im vierten Lebensalter zunehmen und dass sich die Gesellschaft darauf einstellen muss, dass sie erhöhte Verantwortung dafür trägt, ob das Individuum diese Herausforderungen und Verluste bewältigen kann. Die intra- und intergenerationelle Solidarität wird in unserer Gesellschaft als ein hohes Gut gewertet. Dies zeigt sich in der öffentlichen Diskussion über das Altern der Gesellschaft und die damit verbundene Notwendigkeit einer Anpassung des sozialen Sicherungssystems an den veränderten Bevölkerungsaufbau. Auch wenn sich die Vorschläge in Bezug auf die Art der Anpassung zum Teil deutlich voneinander unterscheiden, so kann doch nicht in Abrede gestellt werden, dass Konsens in Bezug auf die intra- und intergenerationelle Solidarität als einem Kern unserer Gesellschaft besteht (s. Kapitel 8). Allerdings ist eine Kontroverse in Bezug auf den als notwendig erachteten Umfang des gesamten Sozialbudgets sowie der verschiedenen Bereiche des sozialen Sicherungssystems erkennbar. Antworten auf diese Frage sind unter anderem für die präventive, kurative und palliative Medizin sowie für die Rehabilitation und Pflege wichtig. Denn sie bestimmen mit, in welchem Umfang materielle Güter für das Gesundheitswesen sowie für dessen einzelne Bereiche zur Verfügung gestellt werden. In der politischen Diskussion werden die hohen finanziellen Belastungen des Gesundheitswesens betont, die zur Begrenzung der von der Gesetzlichen Krankenversicherung finanzierten medizinischen Leistungen führten und die bei kostenintensiven Therapien in zunehmendem Maße eine begründete Entscheidung erfordern, welchen Patienten angesichts begrenzter Ressourcen eine Therapie finanziert werden kann und welchen nicht. Als ein bedeutsames Kriterium wird in diesem Zusammenhang das Lebensalter des Patienten genannt. Die Entscheidung, welchen Patienten angesichts begrenzter Ressourcen eine Therapie zukommen kann und welchen nicht, ist so tief greifend, dass sie besonders gut begründet sein muss. Aus ethischer Sicht ist hier das Thema der Wahrhaftigkeit in der politischen Diskussion angesprochen: Ist das Auswahlprinzip in der Tat (ausschließlich) durch begrenzte finanzielle Ressourcen verursacht oder ist es (auch) Folge von wertbesetzten Vorurteilen, die den politischen Entscheidungsträgern entweder nicht in vollem Umfang bewusst sind oder die diese nicht in der Öffentlichkeit vertreten? Es ist zu überprüfen, inwieweit sich in bestimmten politischen Entscheidungen fehlende Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse älterer Menschen widerspiegelt (vgl. Zweiter Altenbericht der Bundesregierung, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 1998). Wenn in der Tat die verfügbaren finanziellen Ressourcen begrenzt sind, dann stellt sich die Aufgabe der gerechten Verteilung materieller Güter und damit das Problem der Auswahl von Patienten. Das Aufstellen von Kriterien für diese Auswahl ist eine Aufgabe, die von den im Gesundheitswesen Beschäftigten allein nicht geleistet werden kann. Vielmehr ist hier ein umfassender gesellschaftlicher Diskurs notwendig, in dem sehr gut begründete und gerechtfertigte Kriterien für die Verteilung materieller Güter und die Auswahl von Patienten erarbeitet werden. Die Kommission hebt hervor, dass dieser Diskurs fachlich begründet und wahrhaftig geführt werden muss. Fachlich begründet heißt, dass die Erkenntnisse der Medizin sowie der Pflegewissenschaft hinsichtlich der Erfolge bestimmter therapeutischer, rehabilitativer und pflegerischer Maßnahmen bei älteren Menschen in diesen Diskurs ausdrücklich eingehen. Fachlich begründet heißt auch, dass Kosten-Nutzen-Analysen bestimmter medizinischer, rehabilitativer und pflegerischer Maßnahmen durchgeführt werden, wobei auch Aussagen darüber getroffen werden müssen, mit welchen langfristigen Kosten der Verzicht auf eine bestimmte medizinische, rehabilitative und pflegerische Maßnahme verbunden wäre. Wenn hier von einem fachlich begründeten Diskurs gesprochen wird, so heißt dies, dass an die Stelle von Vorurteilen über das Alter – die sich häufig in der Annahme widerspiegeln, dass die Veränderungskapazität im Alter so gering sei, dass sich medizinische, rehabilitative und pflegerische Maßnahmen, die auf die Erhaltung oder Wiedererlangung von Mobilität, Selbstständigkeit und Leistungsfähigkeit gerichtet sind, nicht lohnten – differenzierte Aussagen über die Veränderungskapazität im Alter treten. In diesem Diskurs gewinnt neben den fachlichen Argumenten auch die Frage an Bedeutung, inwieweit durch einen verantwortlichen Umgang mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen ein Beitrag zur verbesserten medizinischen und pflegerischen Versorgung möglichst vieler Menschen geleistet werden kann. Die Kommission ordnet auch der kritischen Auseinandersetzung mit den Kosten im Gesundheitswesen große Bedeutung zu. Weiterhin muss dieser Diskurs wahrhaftig geführt werden. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Einstellungen, Überzeugungen und Interessen, die in diesen Diskurs eingehen, offen gelegt und nicht als "Sachzwänge" dargestellt werden. Es ist also genau zu differenzie- ren zwischen empirisch gestützten Erkenntnissen einerseits und wertgerichteten Einstellungen, Überzeugungen und Interessen andererseits. Als aktuelles Beispiel für den genannten Diskurs ist die öffentlich geführte Auseinandersetzung über den Umfang jener materieller Güter zu nennen, die für die Palliativmedizin und Palliativpflege schwerstkranker und sterbender Menschen bereitgestellt werden (vgl. Aulbert, Klaschik & Pichlmaier 1998). Dabei wird auch hervorgehoben, dass durch den Ausbau der Palliativmedizin und Palliativpflege eine bedeutende Alternative zur aktiven Sterbehilfe geschaffen wird. Argumente gegen die aktive Sterbehilfe können vor allem dann vorgebracht werden, wenn unsere Gesellschaft bereit ist, sterbenden Patienten das Recht auf palliativmedizinische Versorgung zuzugestehen (vgl. Bundesärztekammer 1998). Quelle: 3. Altenbericht der Bundesregierung. Kapitel 1.1 |
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VorwortKapitel 1Ressourcen des Alters aus individueller und gesellschaftlicher PerspektiveWechselwirkungen zwischen individueller und gesellschaftlicher VerantwortungChancen und Anforderungen des AltersKompetenzen älterer MenschenRessourcen für ein mitverantwortliches Leben: Das Engagement älterer Menschen in sozialen Beziehungen sowie für unsere GesellschaftKapitel 2AltersbilderKapitel 3Gesundheit und Versorgungssystem als RessourceDie gesundheitliche Qualität der gewonnenen Jahre – bisherige Entwicklung und Perspektiven der behinderungsfreien LebenserwartungSomatischer GesundheitszustandPsychischer GesundheitszustandPflegebedürftigkeit — statistische AngabenGesundheits- und PflegeversorgungTherapie- und Versorgungsaspekte: Die Potenziale zur Behandlung älterer Patienten mit psychischen StörungenPflegerische VersorgungPerspektiven der Finanzierung und Vergütung einer integrierten VersorgungKapitel 4Arbeit und Arbeitswelt als RessourceErwerbsbeteiligung, Erwerbslosigkeit und Erwerbsformen ÄltererÄltere Arbeitnehmer aus betrieblicher PerspektiveZur Veränderung betrieblicher PersonalpolitikRessourcen, Einbußen und Kompensationsmöglichkeiten älterer ArbeitnehmerDer Übergang in den RuhestandKapitel 5Ökonomische Ressourcen im AlterQuellen und Determinanten der Einkommens- und Vermögenssituation im AlterZur Einkommenslage im Alter in den neunziger Jahren - Unterschiede und EntwicklungslinienHeterogenität der Einkommenslage in WestdeutschlandArmut im AlterVermögensbeständeEntwicklungstendenzen der Einkommenslage I: Einige Ergebnisse der AVID ’96Entwicklungstendenzen der Einkommenslage II: Ergebnisse der SimulationsstudienKapitel 6Soziale RessourcenAustausch und Hilfe in sozialen NetzwerkenBürgerschaftliches EngagementKapitel 7Räumliche, infrastrukturelle und technische Umwelten als RessourceKapitel 8Rechtliche Umwelt als RessourceKapitel 9Literaturliste |
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