Die Übernahme freiwilliger und ehrenamtlicher Tätigkeiten

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Das Engagement älterer Menschen im Sinne einer praktizierten Mitverantwortung ist nicht auf Austauschprozesse in sozialen Beziehungen beschränkt. Von den Leistungen älterer Menschen profitieren nicht allein konkrete Kontaktpersonen, Familienangehörige, Freunde, Bekannte und Nachbarn, sondern auch die Älteren selbst und die Gesellschaft als Ganzes. Das Engagement für andere ist auch insofern als ein spezifisches Potenzial, das sich positiv auf individuelle Alternsprozesse auswirken sollte, zu werten, als es Möglichkeiten zur Erfahrung von Kontinuität, Kompetenz, Effektivität, Selbstwertgefühl und Wertschätzung durch andere schafft. Die Gesellschaft profitiert vom Engagement älterer Menschen insofern, als diese Aufgaben übernehmen, die andernfalls zum Teil erhebliche Kosten verursachen würden. Zu nennen sind hier vor allem die Weitergabe von Erfahrungswissen und spezifischer Expertise, die Übernahme von Pflege- und Unterstützungsleitungen für Personen mit unterschiedlichen Graden von Hilfe- oder Pflegebedürftigkeit sowie generell die Übernahme ehrenamtlicher Tätigkeiten in Vereinen, Verbänden und Organisationen. Die gesellschaftliche Bedeutung der Leistungen älterer Menschen ist in den letzten Jahren verstärkt in das Interesse gerontologischer Forschung gerückt, das Thema "Produktivität im Alter" hat sich neben Untersuchungen zum "erfolgreichen Altern" als zentraler Bereich der gerontologischen Forschung etabliert. Gerade bezüglich des ehrenamtlichen Engagements älterer Menschen hat sich der Erkenntnisstand erheblich erweitert. Zu nennen sind hier insbesondere die im Modellprogramm "Seniorenbüro" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gewonnen Erfahrungen (ausführlich dazu Fachinger 1999) sowie Ergebnisse aus dem Alters-Survey und der internationalen Vergleichsstudie zu Tätigkeitsfeldern nach dem Ausscheiden aus dem Beruf (Kohli & Kühnemund 1997 u. 1999).

In der erwähnten internationalen Vergleichsstudie zu nachberuflichen Tätigkeitsfeldern war die nachberufliche Erwerbstätigkeit in der Bundesrepublik am seltensten. Während von den 65-jährigen und älteren Menschen in Japan etwa jeder vierte, in den USA etwa jeder neunte einer nachberuflichen Erwerbstätigkeit nachgeht, lag der Anteil in der Bundesrepublik bei lediglich 3,3 Prozent. Auch wenn das soziale Sicherungssystem der Bundesrepublik nicht mit jenen in den USA oder in Japan zu vergleichen und deshalb im Vergleich zu diesen Staaten ein bedeutend geringerer Anteil der älteren Menschen auf die Ausübung einer entlohnten Tätigkeit angewiesen ist, deutet die Kommission den erwähnten Befund auch dahingehend, dass die Möglichkeiten einer aktiven gesellschaftlichen Partizipation älterer Menschen in der Bundesrepublik bei weitem nicht ausgeschöpft sind. Anders als in den USA oder in Japan ist in der Bundesrepublik die Erkenntnis, dass die berufliche Expertise älterer Arbeitnehmer – insbesondere auch altersbedingt ausscheidender Führungskräfte – auch über die gesetzliche Altersgrenze hinaus genutzt werden kann, bislang folgenlos geblieben. Die ausgesprochen geringe Erwerbsbeteiligung älterer Menschen in der Bundesrepublik ist auch darauf zurückzuführen, dass eine Diskussion über die Möglichkeiten innovativer Beschäftigungsmodelle bislang nicht geführt worden ist.

Die im Kontext des Modellprogramms Seniorenbüro gewonnen Erfahrungen legen nahe, dass die Bereitschaft älterer Menschen, eine ehrenamtliche Tätigkeit auszuüben, durch die Schaffung einer Infrastruktur der Engagementförderung und gezielte Qualifikationsangebote deutlich erhöht werden könnte (s. Kapitel 6).

Die Bedeutung älterer Menschen für unsere Gesellschaft beschränkt sich nicht nur auf ihr Engagement in nachberuflichen Tätigkeitsfeldern. Die Übernahme ehrenamtlicher Tätigkeiten stellt aus der Sicht der Kommission nur eine Möglichkeit einer mitverantwortlichen Lebensführung dar, die zudem vor allem im "dritten Lebensalter" gegeben und zu einem nicht unerheblichen Teil an den Bildungsstand, die Erwerbsbiografie, die gesundheitliche Situation sowie an weitere Merkmale der Lebenslage des Menschen gebunden ist. Auch ist die Produktivität des Alters nicht auf die Ausübung von ehrenamtlichen Tätigkeiten oder auf Unterstützungsleistungen in sozialen Beziehungen beschränkt, die andernfalls erhebliche Kosten für die Gesellschaft verursachen würden. Gerade angesichts der im "vierten Lebensalter" deutlich erhöhten Vulnerabilität ist hervorzuheben, dass auch die intensive Bemühung um eine Aufrechterhaltung der Selbstständigkeit im Alltag als "produktiv" zu werten ist, insofern sie nicht nur hilft, entstehende Kosten zu vermeiden, sondern auch anderen Menschen als positives Beispiel für ein selbstverantwortliches (und vielleicht auch für ein mitverantwortliches) Leben dienen kann (ausführlich dazu Montada 1996; Staudinger 1996).

Die Kommission vertritt die Annahme, dass eine den Ressourcen und Bedürfnissen älterer Menschen gerecht werdende Politik zunächst von möglichst differenzierten Erkenntnissen über die verschiedenen Alternsformen ausgehen muss. Der Lebensphase "Alter" wird heute immer noch mit zahlreichen Vorurteilen begegnet, die durch die gerontologische Forschung ebenso wie durch Erkenntnisse, die in der gerontologischen Praxis gewonnen wurden, widerlegt werden können. Eines dieser Vorurteile lautet, dass ältere Menschen primär eine "Belastung"für unsere Gesellschaft darstellen, hingegen keinen "Gewinn". Die Kommission hat sich dafür entschieden, sich dem Thema "Alter und Gesellschaft" aus einer ressourcenorientierten Sicht zu nähern. Wie bereits in diesem einführenden Kapitel dargelegt wurde und auch die nachfolgenden Kapitel zeigen, sind ältere Menschen nicht nur auf gesellschaftliche Ressourcen angewiesen, damit sie sich vor bestimmten Risiken im Alter besser schützen sowie spezifische Problem- und Lebenslagen besser bewältigen können. Sie verfügen auch über Ressourcen, die der Gesellschaft zugute kommen, von denen diese profitieren kann. Die differenzierte Beschreibung dieser Ressourcen – der gesellschaftlichen Ressourcen einerseits, der individuellen Ressourcen andererseits – und deren Analyse unter dem Aspekt der Weiterentwicklung einer "altenfreundlichen" Politik bildet ein zentrales Ziel dieses Berichts. Dabei soll das nachfolgende Kapitel unter anderem aufzeigen, dass in der öffentlichen Diskussion bestimmteAltersbilder dominieren. Alle Berufsgruppen, die sich mit dem Thema "Alter" befassen, sollten sich der Tatsache bewusst sein, dass gesellschaftliche Bilder des Alters Einfluss auf die individuelle Wahrnehmung des Alters ausüben. Den Ausgangspunkt von Entscheidungen, die ältere Menschen betreffen, sollte die kritische Reflexion der gesellschaftlichen Altersbilder darstellen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass der Blick auf die Ressourcen, die die Gesellschaft für ältere Menschen zur Verfügung stellen sollte, sowie auf die möglichen Ressourcen des Alters für unsere Gesellschaft verdeckt wird.


 
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Werden die Ressourcen des Alters als gesellschaftliches Potenzial erkannt?

Das Engagement älterer Menschen in sozialen Beziehungen

Die Übernahme freiwilliger und ehrenamtlicher Tätigkeiten