Ressourcen für ein mitverantwortliches Leben: Das Engagement älterer Menschen in sozialen Beziehungen sowie für unsere Gesellschaft

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Bislang galt die Aufmerksamkeit den individuellen Ressourcen älterer Menschen für ein selbstständiges und selbstverantwortliches Leben, wobei zwischen verschiedenen Bereichen der Kompetenz und verschiedenen Merkmalen der Lebenslage differenziert und deren Beitrag für ein selbstständiges und selbstverantwortliches Leben aufgezeigt wurde. In diesem Abschnitt soll auf die Frage eingegangen werden, inwieweit ältere Menschen ihre Ressourcen für andere Menschen und für unsere Gesellschaft einsetzen. Der Blick ist nun nicht mehr allein auf das selbstverantwortliche, sondern auch auf das mitverantwortliche Leben gerichtet. Dieser Perspektivenwechsel ist nach Ansicht der Kommission für das Verständnis des Alters in der heutigen Gesellschaft wichtig: Die ältere Generation leistet, zusammenfassend betrachtet, einen bedeutenden Beitrag für nachfolgende Generationen und damit für die gesellschaftliche Solidarität. Es genügt nicht mehr, sich bei der Charakterisierung der älteren Generation allein auf deren Ressourcen für ein selbstständiges und selbstverantwortliches Leben zu beschränken – so wichtig es auch ist, diese Ressourcen ausdrücklich hervorzuheben. Vielmehr ist auch die Darstellung des aktiven Beitrags älterer Menschen zu unserer Gesellschaft und Kultur notwendig.

Unter einer mitverantwortlichen Lebensführung versteht die Kommission die aktive, verantwortungsvolle, an den Bedürfnissen anderer Personen oder der Gesellschaft als Ganzes orientierte soziale Teilhabe. Diese findet ihren Ausdruck in den für andere Menschen erbrachten Leistungen und Hilfen sowie in der Übernahme von Verantwortung durch die Ausübung freiwilliger und ehrenamtlicher Tätigkeiten in der Kommune, der Nachbarschaft, in Vereinen, Verbänden und Organisationen. Dennoch ist eine mitverantwortliche Lebensführung nicht mit den in sozialen Beziehungen oder in einer ehrenamtlichen Tätigkeit erbrachten Leistungen und Hilfen für andere Menschen identisch. Sie beinhaltet über diese hinaus immer auch eine subjektive Begründung des eigenen Tuns, eine spezifische Wertorientierung und Bereitschaft, ein persönliches Anliegen, sich im Interesse anderer zu engagieren. Die Kommission betont, dass – eine derartige Motivstruktur vorausgesetzt – die für andere erbrachten Leistungen und Hilfen in hohem Maße zu persönlicher Sinnerfahrung und Zufriedenheit beitragen können. Eine mitverantwortliche Lebensführung ist aus diesen Grunde nicht nur aus gesellschaftlicher, sondern auch aus individueller Perspektive bedeutsam.

Die Chance, im Alter ein mitverantwortliches Leben zu führen, hängt ebenso wie die Aufrechterhaltung eines selbstständigen und selbstverantwortlichen Lebens von den in früheren Lebensabschnitten entwickelten Fähigkeiten, Fertigkeiten, Erfahrungen und Wissenssystemen ab. Die zuvor getroffenen Aussagen zu den Ressourcen der Person legen nahe, dass die Mehrzahl der älteren Menschen über die für ein mitverantwortliches Leben notwendigen Voraussetzungen verfügt. Darüber hinaus ist deutlich geworden, dass der Alternsprozess auch mit persönlichen Anforderungen konfrontiert, die zunächst bewältigt werden müssen, ehe Personen die Möglichkeit haben, Chancen eines mitverantwortlichen Lebens zu nutzen. So können etwa der Verlust nahe stehender Menschen oder schwere gesundheitliche Einbußen die vorhandenen Ressourcen einer Person (sowohl vorübergehend als auch auf Dauer) so stark in Anspruch nehmen, dass ein Engagement für andere zunächst nicht möglich erscheint.

Die einer Person zur Verfügung stehenden Ressourcen stellen zwar eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für die Möglichkeit, ein mitverantwortliches Leben zu führen, dar. Eine aktive, verantwortungsvolle und an den Bedürfnissen anderer orientierte soziale Teilhabe setzt auch voraus, dass die vorhandenen Ressourcen von den älteren Menschen selbst sowie von jüngeren Menschen erkannt werden. Diese Feststellung verweist auf die Bedeutung der Altersbilder für die Möglichkeiten einer mitverantwortlichen Lebensführung. Die Altersbilder wirken sich zum einen auf die Bereitschaft älterer Menschen, ihre Ressourcen in den Dienst inner- und außerfamiliärer Netzwerke zu stellen, zum anderen auf die Bereitschaft der Gesellschaft, die Angebote älterer Menschen auch wirklich zu nutzen, aus (s. Kapitel 2). Bei der Erörterung der Ressourcen des Alters für die Gesellschaft muss berücksichtigt werden, inwieweit diese Ressourcen im individuellen und gesellschaftlichen Altersbild als "gesellschaftliches Potenzial" vertreten sind, das genutzt werden sollte (ausführlich dazu Filipp & Mayer 1999).



Weiter zu:

Werden die Ressourcen des Alters als gesellschaftliches Potenzial erkannt?

Das Engagement älterer Menschen in sozialen Beziehungen

Die Übernahme freiwilliger und ehrenamtlicher Tätigkeiten

 
link Gerontologie

Kapitel 1

Ressourcen des Alters aus individueller und gesellschaftlicher Perspektive

Wechselwirkungen zwischen individueller und gesellschaftlicher Verantwortung

Chancen und Anforderungen des Alters

Kompetenzen älterer Menschen

Ressourcen für ein mitverantwortliches Leben: Das Engagement älterer Menschen in sozialen Beziehungen sowie für unsere Gesellschaft

Kapitel 2

Altersbilder

Kapitel 3

Gesundheit und Versorgungssystem als Ressource

Die gesundheitliche Qualität der gewonnenen Jahre – bisherige Entwicklung und Perspektiven der behinderungsfreien Lebenserwartung

Somatischer Gesundheitszustand

Psychischer Gesundheitszustand

Pflegebedürftigkeit — statistische Angaben

Gesundheits- und Pflegeversorgung

Therapie- und Versorgungsaspekte: Die Potenziale zur Behandlung älterer Patienten mit psychischen Störungen

Pflegerische Versorgung

Perspektiven der Finanzierung und Vergütung einer integrierten Versorgung

Kapitel 4

Arbeit und Arbeitswelt als Ressource

Erwerbsbeteiligung, Erwerbslosigkeit und Erwerbsformen Älterer

Ältere Arbeitnehmer aus betrieblicher Perspektive

Zur Veränderung betrieblicher Personalpolitik

Ressourcen, Einbußen und Kompensationsmöglichkeiten älterer Arbeitnehmer

Der Übergang in den Ruhestand

Kapitel 5

Ökonomische Ressourcen im Alter

Quellen und Determinanten der Einkommens- und Vermögenssituation im Alter

Zur Einkommenslage im Alter in den neunziger Jahren - Unterschiede und Entwicklungslinien

Heterogenität der Einkommenslage in Westdeutschland

Armut im Alter

Vermögensbestände

Entwicklungstendenzen der Einkommenslage I: Einige Ergebnisse der AVID ’96

Entwicklungstendenzen der Einkommenslage II: Ergebnisse der Simulationsstudien

Kapitel 6

Soziale Ressourcen

Austausch und Hilfe in sozialen Netzwerken

Bürgerschaftliches Engagement

Kapitel 7

Räumliche, infrastrukturelle und technische Umwelten als Ressource

Kapitel 8

Rechtliche Umwelt als Ressource

Kapitel 9

Literaturliste