Altersbilder

Download Altenbericht

Im ersten Kapitel des Kommissionsberichts wurde auf die Verschiedenartigkeit des Alters hingewiesen, die sich zum einen daraus ergibt, dass die Lebensphase "Alter" eine Zeitspanne von zwei oder drei Jahrzehnten umfasst, in der vielfach deutliche Veränderungen der körperlichen und seelisch-geistigen Leistungsfähigkeit auftreten. Die Verschiedenartigkeit des Alters ergibt sich zum anderen aus den unterschiedlichen Biographien, Lebensbedingungen, Interessen und Kompetenzen älterer Menschen.

Diese Verschiedenartigkeit spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Altersbildern wider. In der öffentlichen Diskussion über Fragen des Alters sowie in der öffentlichen Darstellung des Alters werden Altersbilder sichtbar, die zum einen bestimmte Facetten des Alters – wie zum Beispiel die körperliche oder die seelisch-geistige Entwicklung im Alter – betonen, zum anderen bestimmte Altersformen, wie zum Beispiel das Alter bei erhaltener Gesundheit und ausreichenden finanziellen Ressourcen oder das Alter bei eingeschränkter Gesundheit, geringer sozialer Integration, geringen finanziellen Ressourcen.

Unter Altersbildern versteht die Kommission allgemeinere Vorstellungen über das Alter, über die im Alternsprozess zu erwartenden Veränderungen und über die für ältere Menschen mutmaßlich charakteristischen Eigenschaften. Altersbilder umfassen Ansichten von Gesundheit und Krankheit im Alter, Vorstellungen über Autonomie und Abhängigkeiten, Kompetenzen und Defizite, über Freiräume, Gelassenheit und Weisheit, aber auch Befürchtungen über materielle Einbußen und Gedanken über Sterben und Tod. Nicht zuletzt enthalten sie auch – normative – Vorstellungen über Rechte und Pflichten alter Menschen. Altersbilder umfassen demnach nicht allein beschreibende und erklärende Aussagen über das Alter(n), sondern enthalten auch wertende und normative Elemente.

Altersbilder sind soziale Konstruktionen, die sich im Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft herausbilden und entwickeln. Einerseits tragen ältere Menschen selbst durch ihr Handeln (z.B. durch ihren Lebensstil) zur Entstehung und Veränderung von Altersbildern bei.Andererseits beeinflussen Altersbilder auf individueller und gesellschaftlicher Ebene die Wahrnehmung und Beurteilung von älteren Menschen, die Gestaltung von sozialen Interaktionen mit ihnen sowie die Erwartungen an den eigenen Alternsprozess und die persönliche Lebenssituation im Alter. Der Beginn der Lebensphase "Alter" wird – so die Ergebnisse mehrerer Studien – von den Menschen im allgemeinen mit dem Beginn des Rentenbezugs oder Altersruhegelds markiert. Dies unterstreicht die zentrale Bedeutung der wohlfahrtsstaatlichen Konstruktion dieses Übertritts in eine neue Lebensphase.

Eine wichtige Frage ist, mit welchen Altersbildern sich der ältere Mensch selbst identifiziert. Die Antwort auf diese Frage entscheidet mit darüber, inwieweit dieser seine Ressourcen für ein unabhängiges Leben nutzt, inwieweit er sich darum bemüht, durch eigene Aktivität zur möglichst langen Aufrechterhaltung der Ressourcen beizutragen, und inwieweit er das Engagement für andere Menschen – d.h. die Bereitstellung von Ressourcen – als eine persönlich bedeutsame Aufgabe wertet.

Altersbilder, die positive Aspekte des Alter(n)s (etwa im Sinne von Fachkompetenzen, Daseinskompetenzen und gesellschaftlicher Produktivität) hervorheben, können Handlungsspielräume für ältere Menschen eröffnen. Sie können dazu beitragen, dass ein persönlich zufriedenstellendes Engagement in selbstgewählten sozialen Rollen möglich und von anderen anerkannt wird. Des weiteren erhöhen Altersbilder, die die "Chancen des Alters" betonen, die Wahrscheinlichkeit, dass objektiv bestehende Handlungsspielräume von den Individuen erkannt und für eine Verwirklichung von persönlich bedeutsamen Anliegen und Bedürfnissen genutzt werden. Sie haben dann insofern auch eine ermutigende Funktion.

Umgekehrt können Altersbilder, die negative Aspekte des Alter(n)s (im Sinne charakteristischer Einbußen und Verluste) hervorheben, dazu beitragen, dass objektiv bestehende Handlungsspielräume nicht wahrgenommen und Möglichkeiten der Verwirklichung persönlich bedeutsamer Anliegen und Bedürfnisse nicht genutzt werden und im ungünstigsten Fall auf Dauer verloren gehen. Es soll hier deutlich auf die potentiell ungünstige Wirkung negativer Altersbilder im Sinne von "Etikettierungen" hingewiesen werden: Akzeptiert ein alter Mensch die Aussagen eines "negativen" Altersstereotyps (z.B. "alt = schwach, inkompetent, isoliert"), so besteht die Gefahr, dass eine Fremd- oder Selbst-Etikettierung als "alter Mensch" zur Übernahme genau dieser Eigenschaften führt ("social breakdown theory"; vgl. Bengtson, Burgess & Parrott, 1997).

Allgemein sind Altersbilder als Teil subjektiver Theorien über das Alter(n) für den Einzelnen für die Bewältigung von Aufgaben und Anforderungen im Lebenslauf von Bedeutung. So sind etwa funktionale Verzerrungen in der Wahrnehmung des eigenen Alternsprozesses nichts Ungewöhnliches. Die Wahrnehmung des eigenen Alters fällt in der Regel etwas positiver aus als das von gleichaltrigen Menschen: "Wird das Altern im Allgemeinen als belastend gesehen, so schneidet man selbst im sozialen Vergleich weniger schlecht ab, was wiederum die emotionalen Effekte von Belastungen abzupuffern hilft" (Filipp & Mayer, 1999, S. 53). Dass die eigene Lebenssituation sich gegen ein (negatives) Altersstereotyp positiv abhebt, kann eine bedeutsame Funktion von Altersbildern sein. Die unterschiedliche Einschätzung des eigenen Alters und des Alters anderer Menschen liegt zudem in der Neigung begründet, in der retrospektiven Einschätzung des eigenen Lebenslaufs die "gute Gestalt" des eigenen Lebens und der eigenen Identität zu maximieren: Personale Kontinuität soll auch im Wandel der biografischen Zeit weitgehend gesichert werden.

Wenn sich Menschen mit Fragen des Alters befassen, so sollten sie die Altersbilder, die sie vertreten (oder anders ausgedrückt: an denen sie sich orientieren), kritisch reflektieren. Dabei gewinnt vor allem die Frage an Bedeutung, ob sich in den subjektiv vertretenen Altersbildern die Verschiedenartigkeit des Alters widerspiegelt oder ob eine bestimmte Facette des Alters bzw. eine bestimmte Altersform über die Gesamtgruppe der älteren Menschen generalisiert wird.

Altersbilder lassen sich in vielen Fällen nicht pauschal als "wahr" oder "falsch", als der Realität des Alters und Alterns angemessen oder unangemessen beurteilen. Angesichts der Vielgestaltigkeitdes Alter(n)s lässt sich für viele Altersbilder immer auch zumindest ein "wahrer Kern" finden: in ihnen spiegeln sich bestimmte Altersformen wider, die in unserer Gesellschaft bestehen. Andererseits muss kritisch betont werden, dass Altersbilder die differenzierte Sicht auf das Alter und auf ältere Menschen sowie die Entwicklung differenzierter, auf die verschiedenen Altersformen abgestimmte Maßnahmen dann erschweren oder unmöglich machen,wenn die subjektiv vertretenen Altersbilder über die gesamte Gruppe alter Menschen verallgemeinert werden (wie zum Beispiel: "Hochaltrige Menschen sind alle krank"). Problematisch wird die Verwendung von Altersbildern immer dann, wenn es sich um übergeneralisierende Charakterisierungen handelt, die den Handlungsspielraum der Menschen einzuschränken drohen. In diesen Fällen muss auf die negativen Wirkungen (z.B. Gefahr der Instrumentalisierung und Diskriminierung) solcher Altersstereotypen hingewiesen werden. Zum Beispiel kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass übergeneralisierte Altersbilder oder –stereotype gerne im politischen Diskurs zur Durchsetzung von Interessen funktionalisiert werden.

Als Thema für sich hat das Alter dort einen eher geringen Stellenwert; als Argument – positiver oder negativer Art – wird es aber in vielen Sachzusammenhängen bereitwillig instrumentalisiert. Vorwiegend wird das Altern unserer Gesellschaft dabei im Zusammenhang mit der Lage der öffentlichen Finanzen als Verschärfung von Budgetrestriktionen aufgegriffen. Der Diskurs über die Finanzierung des Sozialstaates einer demographisch alternden Gesellschaft zeigt sich als dramatische Inszenierung, die sich nicht selten an der Metapher der "Explosion" orientiert. Mit dem Hinweis auf eine drohende "Alterslast" werden Veränderungen im Bereich der Sozialversicherungssysteme begründet, wobei eine inhaltliche Beziehung zu den vorgeschlagenen Veränderungen nicht immer gegeben sein muss. Die komplexen Zusammenhänge von demographischen Veränderungen und gesellschaftlichen Auswirkungen werden in diesen Inszenierungen nicht differenziert dargestellt. Sehr oft wird pauschal – etwa in gesundheitsökonomischen Zusammenhängen – von "Überalterung" gesprochen, wobei die normativen Kriterien für diese negative Redeweise unklar bleiben.

Auf der anderen Seite wird das sensible Thema der gesellschaftlichen Nutzung des Humanvermögens, das auch ältere und alte Menschen zweifelsohne darstellen, oftmals im zeitlichen Kontext fiskalischer Engpässe allzu vereinfachend zu instrumentalisieren versucht. Ob "altes" oder "neues" Ehrenamt, ob genossenschaftsartige Selbsthilfegruppe oder freiwillige selbstorganisierte Widmungstätigkeit, ob familiale oder außerfamiliale Unterstützungsleistungen – das Humanvermögen des Sektors jenseits von Markt und Staat wird gerne auch als Ersatz für sozialstaatliche Leistungen gesehen. Dies geschieht bisweilen in Verbindung mit einer unzulässigen argumentativen Verkürzung – und insofern Missbrauch – des in der Gerontologie entwickelten Leitbilds eines aktiven und produktiven Alterns.

Der vorliegende Bericht unternimmt daher in verschiedenen Kapiteln unter anderem den Versuch, eine differenziertere Sicht des Alters zu vermitteln, d.h. für die Verschiedenartigkeit des Alters in unserer Gesellschaft zu sensibilisieren. Dies geschieht im Bewusstsein der Tatsache, dass Altersbilder auf gesellschaftlicher Ebene unter anderem Implikationen haben für die Gestaltung von sozialen Sicherungssystemen, die Verwirklichung von produktiven Potenzialen des Alters und die soziale Teilhabe älterer Menschen.

Spezifische Altersbilder

Diese Verschiedenartigkeit ist – wie bereits zu Beginn hervorgehoben wurde – schon allein darauf zurückzuführen, dass die Lebensphase „Alter“ zwei oder drei Jahrzehnte umfasst. Bereits die Berücksichtigung der gesamten Zeitspanne des Alters legt eine Differenzierung in den Altersbildern nahe, unter anderem aufgrund der zunehmenden gesundheitlichen Risiken und des wachsenden Risikos des Verlusts nahestehender Menschen. In den vergangenen Jahren sind diesbezüglich zwei markante deutlich voneinander unterschiedene Altersbilder in den Vordergrund getreten, die ihre Basis auch in der gerontologischen Forschung haben bzw. dort intensiv diskutiert werden (Baltes & Smith, 1999). Es handelt sich hierbei um das Bild von den "jungen Alten" und das der "alten Alten", korrespondierend mit den phasenspezifischen Bildern vom "dritten" und "vierten" Lebensalter.

Wenn von den „jungen Alten“ die Rede ist, dann sind damit idealtypisch Menschen in den ersten zehn bis fünzehn Jahren nach ihrem Austritt aus dem Erwerbsleben gemeint, die einen guten Gesundheitszustand aufweisen, über ausreichende finanzielle Ressourcen verfügen und in hohem Maße aktiv sind. Das Bild der "jungen Alten" verweist auf die deutliche Verlängerung der nachberuflichen Lebensphase durch den vorgezogenen Beginn (auf Grund früherer Verrentung) und das spätere Ende (auf Grund steigender Lebenserwartung) des Lebensabschnitts "Alter". Diese Ausweitung macht verständlich, dass sich in den Vorstellungen über das Leben nach der Verrentung eine zeitliche Zweiteilung etabliert: Zunächst kommt das "junge" Alter, das im gerontologischen Sprachgebrauch oft als das "dritte" Lebensalter bezeichnet wird, gekennzeichnet durch eine allgemein gute Ausstattung mit gesundheitlichen, materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen, noch kaum spürbaren altersbedingten Einschränkungen und verbunden mit neuen Möglichkeiten einer aktiven, selbstbestimmten und mitverantwortlichen Lebensgestaltung.

Davon abgegrenzt wird im gesellschaftlichen und auch wissenschaftlichen Diskurs das Bild von den "alten Alten", die sich im hohen und höchsten Alter ("viertes" Lebensalter) befinden. Kennzeichnend für die sich mit dem Altersbild der „alten Alten“ verbindenden Vorstellungen ist eine deutliche Zunahme gesundheitlicher Probleme; insbesondere chronische Krankheiten, Multimorbidität, psychische Veränderungen und Pflegebedürftigkeit treten deutlich häufiger auf als im "jungen Alter". Die Schutzbedürftigkeit von Menschen wächst, wenn sie in diese Phase des hohen Alters kommen, was die Demenzproblematik exemplarisch zum Ausdruck bringt. Oft wird vergessen, dass sich in der Unterscheidung eines "jungen" und "alten" Alters auch eine Verlaufsdynamik verbirgt: Vielleicht gehört es zu den zentralen Herausforderungen zukünftigen Alterns, den Übergang von einer oft sehr aktiven, gesundheitlich wenig eingeschränkten und mit weitgehender Kontinuität gegenüber dem früheren Leben versehenen Phase des "jungen" Alters zu einer mit stärkeren Einschränkungen und Verlusten verbundenen Phase des "alten" Alters bestmöglich zu gestalten.

Die Differenzierung zwischen dem "dritten" und dem "vierten Lebensalter" soll zum Ausdruck bringen, dass im hohen Lebensalter die gesundheitlichen und die sozialen Risiken an Bedeutung gewinnen. Dabei würde es aber eine unzulässige Vereinfachung bedeuten, wenn man eine Polarisierung des dritten und des vierten Lebensalters in der Weise vornehmen würde, dass man behauptete, im dritten Lebensalter seien die Menschen grundsätzlich "kompetent", im vierten Lebensalter hingegen grundsätzlich "inkompetent". Die Verschiedenartigkeit der Altersformen zeigt sich sowohl im dritten als auch im vierten Lebensalter – auch wenn im letzteren die gesundheitlichen und sozialen Risiken deutlich zunehmen.

Wie sehen nun die Altersbilder in verschiedenen Handlungsfeldern aus? Nachfolgend sollen Altersbildaspekte in einigen ausgewählten Bereichen (Medizin, Arbeitswelt, Medien) angesprochen und auch auf Vorstellungen eingegangen werden, die oft in typischer Weise über ältere Migrantinnen und Migranten bestehen.

In der Medizin wirkt sich einerseits das Paradigma der Heilung und der Bekämpfung des Todes auf die dort vorkommenden Altersbilder aus. Stünde allein die kurative Orientierung im Vordergrund medizinischen Handelns, würde Sterben und Tod der Patienten primär als medizinisches Scheitern empfunden und einer eher negativen Sicht auf das Alter Vorschub leisten, insbesondere auf das hohe Alter, bis hin zu einer Anfälligkeit für Gerontophobien. Andererseits wird die Medizin nicht von einer solch strikten Orientierung auf Kuration dominiert. Es kommen auch andere Leitbilder zum Tragen, die sich mehr an der Förderung von Selbstständigkeit im Kontext der jeweiligen Lebenslage in ihrer Gesamtheit und dem Erhalt von Lebensqualität orientieren. Lebensqualität und Wohlbefinden sollen in dieser Perspektive des Alters und des Alterns auf möglichst hohem Niveau gerade auch unter der Bedingung funktioneller Beeinträchtigungen im Alltag und Leistungsverlusten gesichert werden. Man kann davon ausgehen, dass innerhalb des Gesundheitsbereichs diese Perspektive in der Geriatrie und einer wissenschaftlich fundierten Altenpflege, die die Unterstützung einer möglichst selbstständigen Lebensführung auch und gerade unter der Bedingung eingeschränkter Gesundheit, chronifizierter Krankheitsbilder, Hilfe- oder Pflegeabhängigkeiten antrebt, stärker vertreten ist als sonst.

In der Arbeitswelt setzt die Charakterisierung des „Altseins“ relativ früh ein. Der Bezugspunkt ist hier nicht die Bevölkerung im Rentenalter, sondern die erwerbstätigen Menschen, in Unternehmen konkret meist das Alter der Belegschaft. Vorstellungen darüber, wann Arbeitnehmer "jung" oder "alt" sind, hängen dabei stark von der Branche ab. In der rasch expandierenden Branche der Informationstechnologie sind die Vorstellungen hierzu beispielsweise extrem. Allgemein ist hervorzuheben, dass gerade im Bereich der Arbeitswelt das "Alter" eine soziale Konstruktion ist, die wenig mit der Leistungsfähigkeit der Altersgruppen und der einzelnen Personen zu tun hat. Das gern kolportierte Bild vom "älteren Arbeitnehmer" als wenig flexibel, wenig leistungsfähig und wenig motiviert ist ein unangemessenes Stereotyp, das zu Benachteiligungen einlädt. Die geringen Einstellungschancen älterer Arbeitsloser und die vergleichsweise geringe Beteiligung älterer Arbeitnehmer an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zeugen von der Bedeutung negativer Altersbilder in der Arbeitswelt. Es wäre jedoch falsch, von einem allgemeinen Vorherrschen negativer Altersbilder im Arbeitsalltag zu sprechen. So geht zum Beispiel der lange Jahre zu beobachtende Trend zur frühzeitigen Ausgliederung älterer Arbeitnehmer aus dem Erwerbsleben nicht primär auf das Konto negativer Altersbilder, sondern stellt eine sozialverträgliche, von den Arbeitgebern, Gewerkschaften, Betriebsräten und Belegschaften im allgemeinen akzeptierte Form der Personalanpassung an volkswirtschaftliche und betriebliche Strukturveränderungen dar.

Reisserische Berichte vor allem in den Printmedien über einen "Krieg der Generationen" lassen den Eindruck entstehen, in den Medien herrsche ein negatives Altersbild vor. Ein solch pauschales Urteil lässt sich jedoch nicht ohne weiteres fällen. Wenn etwa in den Medien eine an konkreten Problemen des Alters orientierte Darstellung über Defizite des Alters erfolgt, darf dies nicht pauschal als Ausfluss eines negativen Altersbildes interpretiert werden. Berichte über problematische Situationen im Alter sind auch der Aufklärungsfunktion dieser Medien zuzuschreiben. Allerdings: In den Printmedien wird häufiger über alte Menschen geschrieben, als dass sie selbst zu Wort kommen – und alte Menschen werden weniger in Fernsehsendungen dargestellt, sondern sind in stärkerem Maße Fernsehkonsumenten (Filipp & Mayer, 1999: 238). Weder in der Werbung noch in den Programmen insgesamt wird die Vielfalt des Alterns angemessen repräsentiert. Aber viel auffallender ist die Überlagerung dieser allgemein zu geringen Differenziertheit Unterrepräsentanz der älteren Menschen in den Medien durch Geschlechtsstereotypen: Männer erscheinen häufiger in der Rolle der "Noch-Berufstätigen" oder der auf beruflichen Wissen beruhenden Experten, während Frauen eher in sozialen Rollen (etwa als Hausfrau) inszeniert werden.

Während sich das Bild der alternden deutschen Bevölkerung in den letzten Jahren deutlich verändert hat und negative Stereotype einer differenzierten Betrachtung gewichen sind, kann dies für die vorherrschenden Bilder von älteren Migranten/Ausländern nicht ohne weiteres festgestellt werden. Der dauerhafte Verbleib vieler alt gewordener Arbeitsmigrantinnen und -migranten in Deutschland wird inzwischen allgemein wahrgenommen, aber häufig einseitig mit Problemen für diese Gruppe und die Gesellschaft assoziiert. In der öffentlichen und in der Fachdiskussion innerhalb der sozialen Berufe werden die Potenziale und Ressourcen und die Leistungen dieser Bevölkerungsgruppe für andere häufig übersehen. Es dominiert noch immer die Defizitperspektive. Dies hat zwar insofern eine gewisse Berechtigung, als sich bei großen Teilen der älteren Migranten "aus bestimmten spezifischen Merkmalen ihrer Lebenslage auf eine gegenüber den deutschen Älteren und Alten höhere und in Teilen andersartige Problembetroffenheit schließen lässt" (Deutscher Bundestag, 1998: 428). Es sollten aber auch die Ressourcen und Leistungen dieser Bevölkerungsgruppe und die unterschiedlichen Lebenslagen ausländischen Seniorinnen und Senioren stärker beachtet werden. Insgesamt muss deutlicher auf die ausgeprägte Heterogenität und die häufig unterschätzten Potenziale der älteren Migranten für die Gestaltung ihrer sozialen Netzwerke sowie auf ihren Beitrag für die Gesellschaft und die ethnischen Gemeinschaften hingewiesen werden. Weniger Aufmerksamkeit findet die hohe Zahl derjenigen, die ihren Lebensabend zeitweise im Herkunftsland und zeitweise in Deutschland verbringen und dadurch Ressourcen im Herkunftsland wie in Deutschland nutzen und einbringen.

Fazit

Die kursorische Darstellung der Altersbilder im gesellschaftlichen Diskurs macht deutlich, dass es schwierig ist, eine sachlich-nüchterne Debatte über das Alter zu führen. Oft stehen sich gegensätzliche "negative, defizitorientierte" und "positive, produktivitätsorientierte" Altersbilder gegenüber. Diskutiert man zum Beispiel Fragen der Sicherstellung medizinischpflegerischer Versorgung im Alter im Lichte der epidemiologischen Prävalenzdaten über demenzielle Erkrankungen (siehe Kapitel 3), so setzt man sich leicht dem Vorwurf aus, die Alterung von Gesellschaft und Individuum zu dramatisieren und unterschwellig der stereotypen Formel "Altsein = Kranksein" zu folgen. Spricht man über die – steigenden – Kosten der Demenzbehandlungen und -betreuungen, läuft man Gefahr, eines mangelnden ethischen Verständnisses bezichtigt zu werden. In der Tat wird der politische Diskurs leider oft einseitig aus der ökonomischen Perspektive geführt. So haben schon vor Jahren deutschsprachige Untersuchungen zu den in politischen Reden im Bundestag zu Tage tretenden Altersbildern im Zeitraum von 1976 bis 1982 (Wilbers, 1986) oder in den großen Regierungserklärungen von 1949 bis 1987 (Dieck, 1987) nachweisen können, dass die Themen von ökonomischen Aspekten dominiert wurden. Entdramatisiert man andererseits den Diskurs über die sozialstaatlichen Herausforderungen des Alterns der Gesellschaft im Lichte der begründeten These, aus der demographischen Alterung folge nicht in direkter und einfacher Weise eine Ausgabendynamik im gesamten Versorgungsgeschehen (indem man etwa auf die Anzeichen einer Verbesserung des Gesundheitszustands alter Menschen in der Kohortenabfolge hinweist), so wird man leicht der Verharmlosung geziehen. Insgesamt ist es dringend notwendig, den Umgang mit Altersbildern kritisch zu reflektieren, sich vor Überbewertungen und Polarisierungen in negative und positive Sichtweisen zu hüten. Wie die Ergebnisse einer kürzlich durchgeführten Studie (Rudinger, Kruse & Schmitt 2000) zeigen, hält etwa die häufig getroffene Annahme eines in unserer Gesellschaft dominierenden negativen Altersbildes einer empirischen Überprüfung nicht stand. Gravierende altersgebundene Verluste und Defizite in den Bereichen körperliche Gesundheit, kognitive Leistungsfähigkeit,Persönlichkeit (Rigidität), soziale Beziehungen (Einsamkeit) und gesellschaftliche Produktivität (im Sinne von "veraltet") werden größtenteils verneint oder erhalten nur eingeschränkte Zustimmung. Diese Daten sprechen insgesamt eher für das gegenwärtige Vorherrschen positiver Altersbilder. Unter den Untersuchungsteilnehmern besteht Konsens hinsichtlich der Existenz und des gesellschaftlichen Nutzens altersgebundener Stärken und Gewinne (z.B. Erfahrungen, innere Ruhe, Bereitschaft, andere Meinungen und Einstellungen gelten zu lassen). Auch wenn die Wahrnehmung von positiven Aspekten des Alters im Vergleich zur Wahrnehmung negativer Aspekte des Alters deutlich überwiegt, so machen die Befunde zudem deutlich, dass Altersbilder sich nicht in simpler Weise auf einem Kontinuum anordnen lassen, das von einer sehr positiven bis zu einer sehr negativen Bewertung reicht (Hummert 1990).

In einer Reihe von Lebens-, Politik- und Wissenschaftsbereichen sind Varianten von negativ getönten Altersbildern noch immer vertreten. Allerdings gibt es auch deutliche Anzeichen einer Veränderung bei der Wahrnehmung des Alters, des Altwerdens und der Gruppe älterer Menschen. So kann man beispielsweise in der Arbeitswelt nachweisen, dass Betriebe und Unternehmen durchaus bestimmte Vorzüge und Stärken älterer Arbeitnehmer erkennen und wertschätzen. Erfahrungsbeispiele lassen hoffen, dass diese Erkenntnisse zukünftig in stärkerem Maße in die Personalpolitik der Unternehmen einfließen. In vielen Wissenschaften lässt sich eine "Gerontologisierung" erkennen: Nicht allein innerhalb der Gerontologie und Geriatrie werden Fragen des Alters und Alterns behandelt, sondern auch in den allgemeinen Disziplinen der Grundlagen- und Anwendungswissenschaften. Und schließlich: In der Sozialpolitik beginnen sich neue Leitbilder des Umgangs mit älteren Menschen abzuzeichnen, nach denen ältere Menschen nicht länger eine zu versorgende Klientel darstellen, die durchgängig der Institutionen und Dienste der Altenhilfe bedarf, sondern ältere Menschen als aktive Koproduzenten ihrer eigenen Wohlfahrt begreift.

Die in einer Gesellschaft dominierenden Altersbilder bestimmen mit, inwieweit ältere Menschen bei der Verteilung von Ressourcen berücksichtigt werden und inwieweit ein differenzierter, d.h. an den gegebenen Lebensbedingungen und Kompetenzen orientierter Einsatz der Ressourcen erfolgt. Aufgrund der Bedeutung, die Altersbilder für individuelles wie kollektives Handeln haben, ist deren kritische Reflexion als eine bedeutsame Aufgabe anzusehen – sowohl für ältere Menschen als auch für Entscheidungsträger in politischen, kulturellen und sozialen Institutionen. Die kritische Reflexion wird durch die Beschäftigung mit Ergebnissen gerontologischer Forschung sowie mit Empfehlungen, die sich aus diesen Ergebnissen ableiten lassen, gefördert. Die Kommission versteht den vorliegenden Bericht auch als eine Möglichkeit, zur Auseinandersetzung mit Altersbildern anzuregen und damit zu einer differenzierten Sicht des Alters beizutragen.


 
link Gerontologie

Kapitel 1

Ressourcen des Alters aus individueller und gesellschaftlicher Perspektive

Wechselwirkungen zwischen individueller und gesellschaftlicher Verantwortung

Chancen und Anforderungen des Alters

Kompetenzen älterer Menschen

Ressourcen für ein mitverantwortliches Leben: Das Engagement älterer Menschen in sozialen Beziehungen sowie für unsere Gesellschaft

Kapitel 2

Altersbilder

Kapitel 3

Gesundheit und Versorgungssystem als Ressource

Die gesundheitliche Qualität der gewonnenen Jahre – bisherige Entwicklung und Perspektiven der behinderungsfreien Lebenserwartung

Somatischer Gesundheitszustand

Psychischer Gesundheitszustand

Pflegebedürftigkeit — statistische Angaben

Gesundheits- und Pflegeversorgung

Therapie- und Versorgungsaspekte: Die Potenziale zur Behandlung älterer Patienten mit psychischen Störungen

Pflegerische Versorgung

Perspektiven der Finanzierung und Vergütung einer integrierten Versorgung

Kapitel 4

Arbeit und Arbeitswelt als Ressource

Erwerbsbeteiligung, Erwerbslosigkeit und Erwerbsformen Älterer

Ältere Arbeitnehmer aus betrieblicher Perspektive

Zur Veränderung betrieblicher Personalpolitik

Ressourcen, Einbußen und Kompensationsmöglichkeiten älterer Arbeitnehmer

Der Übergang in den Ruhestand

Kapitel 5

Ökonomische Ressourcen im Alter

Quellen und Determinanten der Einkommens- und Vermögenssituation im Alter

Zur Einkommenslage im Alter in den neunziger Jahren - Unterschiede und Entwicklungslinien

Heterogenität der Einkommenslage in Westdeutschland

Armut im Alter

Vermögensbestände

Entwicklungstendenzen der Einkommenslage I: Einige Ergebnisse der AVID ’96

Entwicklungstendenzen der Einkommenslage II: Ergebnisse der Simulationsstudien

Kapitel 6

Soziale Ressourcen

Austausch und Hilfe in sozialen Netzwerken

Bürgerschaftliches Engagement

Kapitel 7

Räumliche, infrastrukturelle und technische Umwelten als Ressource

Kapitel 8

Rechtliche Umwelt als Ressource

Kapitel 9

Literaturliste