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Gesundheitszustand älterer MigrantenSchon in einer Expertise für den ersten Altenbericht 1993 zu den Lebensbedingungen älterer Ausländer in Deutschland hat Dietzel-Papakyriakou darauf hingewiesen, dass die Datenlage zur gesundheitlichen Situation dieser Gruppe bislang sehr schlecht ist. Diese Einschätzung gilt auch heute noch, wie der "4. Bericht über die Lage der Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland" der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen bestätigte. Hinsichtlich der Morbidität und der Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen älterer Migranten liegen noch immer sehr wenige Untersuchungen vor. Die Daten der amtlichen Statistik über Behandlungsdiagnosen lassen sich häufig nicht ausreichend nach hier geborenen Deutschen, zugewanderten und eingebürgerten deutschen Staatsbürgern und Ausländern differenzieren, so dass die Gesundheits- bzw. Krankheitssituation der älteren Migranten bzw. Ausländer nach wie vor nur punktuell beurteilt werden kann (vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen 2000 und Korporal 1998: 57). Trotz der insgesamt unbefriedigenden Datenlage wird der Gesundheitszustand der heute ins Rentenalter kommenden Arbeitsmigranten bzw. der älteren ausländischen Bevölkerung allgemein als schlecht eingeschätzt. Dies ist insofern erstaunlich, als diese Gruppe im jüngeren Alter einen überdurchschnittlich gesunden Bevölkerungsteil darstellte. Die von deutschen Ärzten in den Anwerbeländern durchgeführten Gesundheitsuntersuchungen, die Voraussetzung für die Anwerbung waren, und individuelle wie familiäre Entscheidungsprozesse, die eine gute Gesundheit als Voraussetzung für ein erfolgreiches Migrationsprojekt ansahen, führten zu einer positiven gesundheitlichen Selektion der in die alten Bundesländer kommenden Menschen. Dieser als "healthy migrant"-Effekt bekannte Sachverhalt ließ sich in Deutschland in Studien feststellen. Zu Beginn ihres Aufenthalts in der Bundesrepublik Deutschland waren die Migranten eindeutig gesünder als die gleichaltrige deutsche Bevölkerung. Es lässt sich aber zeigen, dass sich dieser Effekt mit zunehmendem Lebensalter der Migranten deutlich abgeschwächt hat (vgl. Lechner & Mielck 1998). Heute geht man von einer für bestimmte Erkrankungen höheren Morbidität der ausländischen älteren Bevölkerung im Vergleich zur deutschen Vergleichsgruppe aus. Als Gründe werden unterschiedliche Faktoren genannt: Ältere Migranten gehören durchschnittlich zu den einkommensschwachen und durch ein niedrigeres formales Bildungsniveau gekennzeichneten Gruppen, die auch innerhalb der deutschen Bevölkerung ein erhöhtes Erkrankungs- und Sterberisiko aufweisen. Ihr Einkommen liegt unter dem Durchschnitt. Sie sind während ihres Arbeitslebens stärker von Arbeitslosigkeit betroffen gewesen und sie leben unter schlechteren Wohnbedingungen als der Durchschnitt der Bevölkerung (vgl. Deutscher Bundestag 1998: 802 u. 818 und 2. Altenbericht der Bundesregierung, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 1998: 229 f.). Insbesondere kam es bei den heute älteren Arbeitsmigranten über den Verlauf ihres Arbeitslebens zur Kumulation gesundheitlicher Belastungsfaktoren. So waren sie zu einem hohen Anteil in Akkord und Schichtarbeit beschäftigt. Sie haben meist körperlich schwere und häufig mit chemischen Noxen, starker Lärm- und Hitzebelastung verbundene Arbeit verrichtet. Zu Beginn ihrer Arbeitstätigkeit in Deutschland gingen Migranten aus Unkenntnis und mangelnden Informationsmöglichkeiten häufig Gesundheitsrisiken ein, bzw. wurden ihnen solche Arbeiten zugewiesen. Da viele Migranten schnell Geld für eine eigene Existenz oder hohe Unterstützungsleistungen für ihre Familien im Heimatland erarbeiten wollten, nahmen sie häufig weitere gesundheitsbelastenden Effekte, wie z.B. dauerhaft hohe Überstunden, in Kauf (vgl. Dietzel-Papakyriakou & Olbermann 1998 S. 44). Als gesundheitsbelastend kann sich ferner der durch die Migration ausgelöste Stress auswirken. Die Stressforschung weist schon länger auf die gesundheitsbelastenden Auswirkungen von negativen, plötzlich auftretenden und einschneidenden Lebensereignissen oder Verlusten (life events) sowie von chronischem Stress im Zusammenhang mit alltäglichen Belastungen (daily hassles) hin, die sich im Alter in Krankheiten manifestieren können. Die Wahrnehmung von Gesundheit und Krankheit, die Deutung von Krankheitsursachen sowie Behandlungserwartungen werden zudem von den jeweiligen historischen und soziokulturellen Kontexten geprägt. Auf Grund kultureller Unterschiede können bei den älteren Migranten Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen existieren, die von denen älterer Deutscher abweichen. Dies äußert sich häufig in körpernahen Symptompräsentationen, das heißt es werden Symptome leiblich organbezogen geäußert. Türkische Patienten beispielsweise drücken ihre Leiden häufig in Organchiffren aus, bei denen Leber und Lunge im Zentrum des Krankheitserlebens stehen. Diese haben vielseitige Bedeutungen auch im Sinne von Trauer, Krankheit und Schmerzen. Allerdings ist davor zu warnen, alle Krankheitsphänomene bei Migranten allein durch kulturspezifische oder ethnische Aspekte zu erklären. So sind z.B. bei empirischen Untersuchungen die gesundheitsrelevanten Verhaltensmuster von Patienten und der sie behandelnden Ärzte in vergleichbaren sozialen Schichten einander ähnlicher als innerhalb ethnischer Gruppierungen von Migranten (Collatz 1997: 20). Auf Grund der spezifischen Alterszusammensetzung und des noch stark überwiegenden Anteils "junger Alter" unter den älteren Migranten werden zunehmende gesundheitliche Probleme dieser Gruppe in der Zukunft erwartet, wenn der Anteil der älteren und insbesondere der in das so genannte 4. Lebensalter eintretenden Migranten anwächst. Bislang kann man schon feststellen, dass auch bei den älteren Migranten Multimorbidität und Chronifizierung das Krankheitsgeschehen bestimmen. Das auftretende Krankheitsspektrum spiegelt zum einen die arbeitsbedingten hohen körperlichen Belastungen der Migranten wider, zum anderen finden sich bei älteren ausländischen Patienten häufig Somatisierungstendenzen bei psychischen Störungen und Erkrankungen. Es gilt als gesichert, dass Migranten häufiger als Deutsche an Krankheiten des Muskel und Skelettsystems, der Verdauungs- und Atmungsorgane leiden. |
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Funktionelle VeränderungenKrankheit und Multimorbidität im AlterGesundheitszustand älterer Migranten |
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