Zukünftige Entwicklung

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Für die qualitative Weiterentwicklung des Versorgungsangebots werden in Zukunft vermehrt pflegeepidemiologische Erkenntnisse benötigt, die den quantitativen und qualitativen Pflegebedarf im Zeitverlauf dokumentieren sowie eine systematische und zielgerichtete Analyse der erhobenen Daten erlauben. Ein wesentlicher Mangel bisheriger Forschung besteht darin, dass sie von einem spezifischen, sozialrechtlich geprägten Begriff der Pflegebedürftigkeit ausgeht und damit nur sehr begrenzt Schlussfolgerungen auf die Gesamtheit des pflegerischen Leistungsbedarfs zulassen. Gerade vor dem Hintergrund der Zielsetzung eines integrierten Versorgungsangebotes sind daher Untersuchungen notwendig, die Bedarfe unabhängig von den zergliederten Finanzierungs- und Leistungsstrukturen, also vornehmlich aus der Perspektive der Patienten bzw. Pflegebedürftigen zu beschreiben vermögen.

Bislang vorliegende zukunftsbezogene Untersuchungen zum Pflegebedarf widmen sich überwiegend der Frage, wie sich die Zahl der Pflegebedürftigen (z.T. differenziert nach Schweregrad) entwickeln wird, welche der derzeit angebotenen Leistungen der Pflegeversicherung von den Pflegebedürftigen in welchem Umfang voraussichtlich in Anspruch genommen werden und wie sich die Ausgaben und Einnahmen dieses Sozialversicherungszweiges bei unterschiedlichen Szenarien verändern. Dabei operieren die meisten Modellrechnungen mit konstant bleibenden altersspezifischen Pflegefallhäufigkeiten, die sie entweder aus den beiden Infratest-Untersuchungen zu Beginn der neunziger Jahre oder den Daten der Pflegeversicherungsstatistik entnehmen und mit bestehenden Bevölkerungsvorausberechnungen verbinden. Entscheidenden Einfluss auf die Ergebnisse von Vorausberechnungen zur Pflegebedürftigkeit haben neben den Annahmen zur altersspezifischen Prävalenz auch die Annahmen zur Entwicklung der weiteren Lebenserwartung im Alter. Insbesondere bei angenommener Konstanz der Pflegefallwahrscheinlichkeiten schlägt sich ein Zugewinn an Lebensjahren im höheren Alter unmittelbar in einer steigenden Zahl Pflegebedürftiger nieder. Deren Anzahl würde proportional zur Zunahme alter Menschen insgesamt steigen. Die vorliegenden Modellrechnungen orientieren sich teilweise an den Lebenserwartungsannahmen der 8. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts 1992 – 2040 (Sommer 1994) oder der Vorausschätzung der interministeriellen Arbeitsgruppe für die Jahre 1995 – 2040 (BMI 1995). Das Statistische Bundesamt ging seinerzeit von einem allgemeinen Ende des Lebenserwartungsanstiegs nach der Jahrtausendwende aus, was viele Demographen schon damals als unrealistisch erachteten. In der interministeriellen Bevölkerungsmodellrechnung wird angenommen, dass bei allmählicher Angleichung der ostdeutschen an die westdeutsche Lebenserwartung diese bis 2005 um ein Jahr, von 2005 bis 2030 nochmals um rund zwei Jahre steigen wird und danach konstant bleibt.11 Die im Herbst 1999 vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung herausgegebene Bevölkerungsvorausberechnung enthält zwei Varianten. In Variante A wird von sich abschwächenden, in Variante B von gleich bleibenden Zuwachsraten der Lebenserwartung wie in der Zeit zwischen 1987 und 1996 ausgegangen. Danach würde sich die Lebenserwartung bis 2050 wie folgt entwickeln:

Tabelle 3-3: DIW-Annahmen zur Entwicklung der Lebenserwartung in West- und Ostdeutschland

Jahr Mittlere – restliche - Lebenserwartung von
Neugeborenen 65-Jährigen 80-Jährigen
Jungen Mädchen Männern Frauen Männern Frauen
in Jahren
Früheres Bundesgebiet
1995/97 74,07 80,21 15,08 18,85 6,72 8,20
2050 (Var. A) 75,47 81,72 16,28 19,99 7,30 8,91
2050 (Vtaar. B) 81,44 86,40 20,06 23,65 9,75 11,35
  Neue Länder und Berlin-Ost
1995/97 71,77 79,01 14,13 17,89 6,14 7,76
2050 (Var. A) 75,47 81,72 16,28 19,99 7,30 8,91
2050 (Var. B) 81,44 86,40 20,06 23,65 9,75 11,35
Quelle: DIW-Wochenbericht 42/99: 750 und 752


Eine Gegenüberstellung der für Deutschland vorliegenden Vorausschätzungen zum quantitativen Umfang der Pflegebedürftigkeit verdeutlicht, dass unter den gegebenen Annahmen in den kommenden Jahrzehnten auf Grund der demographischen Alterung mit einer erheblichen Zunahme der Zahl pflegebedürftiger Menschen zu rechnen ist (vgl. Tabelle 3-4).

Bis zum Jahr 2010 wird mit einem Anstieg bis 2,04 Millionen Pflegebedürftigen gerechnet; das Bundesgesundheitsministerium geht sogar von einer Zunahme auf 2,14 Millionen aus. Für das Jahr 2030 reichen die Schätzungen von 2,16 bis 2,57 Millionen Pflegebedürftigen, für 11 Die altersspezifischen Sterblichkeitsziffern der Ausländer werden allerdings in beiden Modellrechnungen konstant gehalten. 2040 wird mit 2,26 bis 2,79 Millionen gerechnet. Die unteren Grenzwerte beruhen dabei auf der Annahme einer nicht weiter steigenden Lebenserwartung.

Alle Schätzungen gehen andererseits von der Vermutung konstanter altersspezifischer Pflegefallhäufigkeiten aus. Ob diese Annahme v.a. bei weit in die Zukunft reichenden Vorausberechnungen (bis 2030/40) noch angemessen ist, darf bezweifelt werden. Neuere nationale und internationale Forschungsergebnisse liefern klare Hinweise auf eine Verbesserung des Gesundheitszustands alter Menschen in der Kohortenabfolge (siehe Kapitel 3.1.4), und es bestehen berechtigte Aussichten auf ein Zurückdrängen, Verzögern und Abschwächen bestimmter Altersgebrechen durch weiteren medizinischen Fortschritt. Den Status quo fortschreibende Modellrechnungen zeigen daher in erster Linie, mit welcher demographisch bedingten Zunahme Pflegebedürftiger zu rechnen ist, falls es zu keinen Verbesserungen des Gesundheitszustands und der Funktionstüchtigkeit im Alter kommt. Sie verweisen darauf, wie wichtig es sein wird, die gesundheitliche Prävention und Rehabilitation auszubauen.

Tabelle 3-4: Modellrechnungen zur Zunahme der Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland

Modellrechnung
(Autoren)
Annahmen* zur Entwicklung der ... Geschätzte Zahl der Pflegbedürftigen
altersspezifischen Pflegefall- Häufigkeiten Lebenserwartung (LE)
Zentrum für Sozialpolitik, Bremen (Rothgang/Vogler 1997) an die Bestimmungen des SGB XI angepasste Pflegefallwahrscheinlichkeiten der Infratest- Studien    
- unteres Szenario (vgl. Fachinger et al.1995);
konstant bleibend
konstante LE ab 2000 (nach Bomsdorf (1994), Modell 1) 1993: 1,52 Mio.
2010: 1,85 Mio.
2030: 2,16 Mio.
2040: 2,26 Mio.
- mittleres Szenario dito abgeschwächt steigende LE (nach Bomsdorf(1994), Modell 2) 2010: 1,87 Mio.
2030: 2,32 Mio.
2040: 2,52 Mio.
- oberes Szenario dito. kontinuierlich steigende LE (nach Bomsdorf(1994), Modell 2) 2010: 1,90 Mio.
2030: 2,49 Mio.
2040: 2,78 Mio.
Modellrechnung für die Enquete-Kommission "Demographischer Wandel"
(Wille et al. 1999)
     
- Szenario 1+2 dito. 8. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung (stagnierende LE) mit 2 Migrationsvarianten 1995: 1,66 Mio.
2010: 1,97 – 1,98 Mio.
2030: 2,30 –2,34 Mio.
2040: 2,41 – 2,48 Mio.
- Szenario 3+4 dito. BMI Bevölkerungsvorausschätzung (abgeschwächter Anstieg der LE) mit 2 Migrationsvarianten 1995: 1,64 Mio.
2010: 1,92 – 1,94 Mio.
2030: 2,52 – 2,57 Mio.
2040: 2,70 – 2,79 Mio.
Kuratorium Deutsche Altershilfe (Rückert 1998) Leistungsempfänger der Pflegeversicherung Ende 1997; konstant bleibende Prävalenzen BMI Bevölkerungsvorausschätzung Ende 1997: 1,75 Mio.
Ende 2010: 2,04 Mio.
Prognos-Gutachten für den VDR (Ecke rle/Oczipka 1998) Leistungsempfänger der Pflegeversicherung Ende 1996; konstant bleibende Prävalenzen bis 2002 kontinuierlicher, danach abgeschwächter Anstieg der LE. Restliche LE 65-Jähriger im Jahr 2030: Männer: 16,8 Jahre Frauen: 21 Jahre 1996: 1,55 Mio. 2010: 1,87 Mio. 2040: 2,46 Mio.
DIW 1999 ambulante Pflegefallquoten (1995), konstant bleibend kontinuierlich steigende LE (Variante B) 1997: 1,31 Mio. 2020: 2,25 – 2,26 Mio. 2050: 3,88 – 4,02 Mio.
Bundesministerium für Gesundheit 2000 (http://www.bmgesundheit.de /themen/pflege/zahlen/aus. htm), Stand: 6.3.2000 Leistungsempfänger der Pflegeversicherung Ende 1998 nicht veröffentlicht Ende 1998: 1,81 Mio. 2010: bis 2,14 Mio.

*) Auf die Darstellung der Annahmen zur Migrationsentwicklung wird verzichtet. Gegenüber den Mortalitätsannahmen haben diese einen vergleichsweise geringen Einfluss auf die zukünftige Zahl der Pflegebedürftigen.

 
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