Präventionspotenziale

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Der Begriff des "Präventionspotenzials" soll ausdrücken, dass (a) durch gesundheitsbewusstes Verhalten, durch die Vermeidung von Risikofaktoren sowie durch gezielte Einflussnahme auf die Lebenslage und die Umwelt des Menschen Risikofaktoren bzw. Erkrankungen in Teilen verhindert oder zeitlich hinausgeschoben werden könnten (Primärprävention), dass (b) durch die Früherkennung von Risikofaktoren und Erkrankungen sowie durch Therapie und Rehabilitation eine Verschlimmerung der Erkrankung oder weitere Komplikationen vermieden werden (Sekundärprävention) und dass (c) durch Rehabilitationsmaßnahmen in vielen Fällen Folgeschäden dieser Erkrankungen vermieden oder gelindert werden könnten (Tertiärprävention). Die Präventionspotenziale sollen im Folgenden anhand von zwei Beispielen aufgezeigt werden; als Beispiele werden Erkrankungsformen gewählt, die bei älteren Patienten besonders häufig auftreten.

Beispiel 1: Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Das Präventionspotenzial ist vor allem für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hoch; dabei ist zu berücksichtigen, dass die Hälfte aller Todesursachen durch diese Erkrankungen verursacht ist – dies gilt sowohl für Frauen als auch für Männer. Gerade die Auftretenswahrscheinlichkeit des Schlaganfalls ist ab dem 65. Lebensjahr deutlich erhöht. Der Schlaganfall verursacht fast immer bleibende Einbußen in verschiedenen Bereichen der Kompetenz – zu nennen sind Schädigungen der Wahrnehmungsorgane sowie der Motorik, Einbußen der Sprache, des Denkens und des Gedächtnisses sowie Störungen der Persönlichkeit, der Emotionalität und der Motivation. Zu den Risikofaktoren für den Schlaganfall zählen Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Rauchen, Zuckerkrankheit, Übergewicht und Bewegungsmangel sowie eine genetische Prädisposition. In jenem Masse, in dem diese Risikofaktoren frühzeitig erkannt und behandelt werden, wird ein Beitrag zur Vermeidung des Schlaganfalls geleistet.

Dabei ist zu bedenken – und dieser Aspekt ist für die Prävention besonders wichtig - , dass diese Risikofaktoren oftmals nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Zu nennen ist hier vor allem der Bluthochdruck. Jeder zweite Bluthochdruckpatient wird medizinisch gar nicht oder nicht ausreichend behandelt. Sowohl durch die Änderung des Lebensstils (erhöhte körperliche Aktivität, Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten, Gewichtsreduktion bei Übergewicht) als auch durch eine fachgerechte medikamentöse Behandlung könnte ein erhöhter Bluthochdruck gesenkt werden. Als weiterer Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist die Fettstoffwechselstörung zu nennen. Die Lipidparameter lassen sich sowohl über eine Veränderung des Ernährungsverhaltens als auch über Medikamente beeinflussen. Das Herz-Kreislaufrisiko ist bei Rauchern um das drei- bis fünffache erhöht. Zudem erleiden Raucher im Durchschnitt drei bis fünf Jahre früher einen Herzinfarkt oder Schlaganfall als Nichtraucher. Übergewicht beeinflusst den Blutdruck, den Fettstoffwechsel und trägt zusätzlich zur Zuckerkrankheit, zu Gallensteinleiden sowie zu degenerativen Veränderungen der Gelenke bei. Der Diabetes mellitus Typ II (Altersdiabetes) ist in besonderem Masse durch den Lebensstil (vor allem durch Ernährungsgewohnheiten) sowie durch Übergewicht bedingt. Bei fast 50 Prozent der Diabetiker (Typ II) besteht Übergewicht. Trotz der theoretisch gegebenen Möglichkeit, den Diabetes mellitus Typ II durch gesundheitsbewusstes Verhalten zu vermeiden, haben bislang entsprechende Aufklärungskampagnen nur zu geringen Erfolgen hinsichtlich einer entsprechenden Veränderung des Lebensstils geführt. Die Typ I-Diabetiker werden in aller Regel medizinisch gut geführt. Der größte Teil der medizinisch schlecht geführten Diabetiker gehört dem Typ II an. - Wenn die genannten "klassischen" Risikofaktoren bei einem Menschen gleichzeitig auftreten, dann zeigen sie nicht nur additive, sondern sogar potenzierende Wirkung.

Die Präventionspotenziale, d.h. die Möglichkeiten zur Vermeidung oder Beeinflussung der Risikofaktoren von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (im Sinne der Primär- und Sekundärprävention) sind bislang nicht ausreichend umgesetzt worden. In der Förderung der Prävention sieht die Kommission eine bedeutende Aufgabe der medizinischen Versorgung und der Gesundheitspolitik. Durch die Umsetzung dieser Forderung wird nicht nur zur Verbesserung der Gesundheit und Erhöhung der Lebensqualität im Alter beigetragen, sondern es werden auch erhebliche Kosteneinsparungen bewirkt. Der Überblick über die Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen macht deutlich, dass es häufig beeinflussbare Faktoren (vor allem Fettstoffwechselstörungen, hoher Blutdruck, Rauchen, Zucker, Übergewicht und Bewegungsmangel), die zu diesen Erkrankungen führen. Zu den nicht beeinflussbaren Faktoren gehören Geschlecht, Alter und genetische Bela stung.

Beispiel 2: Erkrankungen des Bewegungsapparates

Ein hohes Präventionspotenzial ist für jene Erkrankungen nachgewiesen worden, die der Osteoporose (Abbau der Knochenmasse) zu Grunde liegen. Die Risikofaktoren lassen sich ebenfalls in beeinflussbare und nicht-beeinflussbare Faktoren unterteilen. Zu den beeinflussbaren Faktoren gehören Fehlernährung, geringe körperliche Bewegung, Übergewicht, Rauchen und Alkoholkonsum, zu den nicht beeinflussbaren Faktoren familiäre Disposition und frühe Menopause. Die Präventionsansätze zur Vermeidung der Osteoporose umfassen veränderte Ernährung, körperliche Bewegung, Hormonsubstitution und medikamentöse Therapie. Osteoporose ist mit einer deutlich erhöhten Sturzgefahr verbunden, wobei Stürze in 50 Prozent aller Fälle zu erheblichen Funktionseinschränkungen, in 30 Prozent zur Hilfsbedürftigkeit und in 20 Prozent zur Pflegebedürftigkeit führen (Kunczik & Ringe 1994).

Zwei Drittel aller älteren Bewohner in Institutionen stürzen einmal pro Jahr. In mehr als 90 Prozent sind die Ursachen dieser Stürze als multifaktoriell anzusehen und haben keine isolierte Ursache - wie z.B. eine Synkope. Stürze gelten als Warnsignal für drohenden oder bereits eingetretenen Verlust von selbstständiger Mobilität. Unfälle bei der älteren Bevölkerung (über 65-Jährige) sind zu 80 Prozent Folge von Stürzen. Die Häufigkeit dieser Stürze steigt pro Dekade um 10 Prozent. Der Diagnostik von Risikofaktoren und der Intervention zur Reduktion von Stürzen im Alter sollte in Zukunft mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden.


Übersicht 3-4: Risikofaktoren, die zur Sturzkrankheit führen:

Habituell weibliches Geschlecht, Alter über 80 Jahre, Untergewicht
Anamnestisch Vorausgegangene Stürze und Frakturen, Parkinson-Syndrom,Gangstörung, Schlaganfall, Demenz, Alkoholabhängigkeit, Depression
Funktionell Einschränkung in allen ADL-Bereichen, Störungen der Balance, Störung des Gangbildes, Sehstörung
Medikamentös Neuroleptika, trizyklische Antidepressiva, langwirkende Benzodiazepine, antihypertensive und Diabetiker-Therapie
Häusliche Gefahrenquellen Küche, Bad, Toilette, Treppen, Beleuchtung, Stolperfallen, Teppiche und Telefonschnur
Synkopale Stürze im Alter Herz-Kreislauf-Ursachen (unter 10 % der Stürze)

Das breite Spektrum der Risikofaktoren, die zu dieser so genannten Sturzkrankheit führen, zeigt eindeutig, dass die Diagnostik und Abklärung ebenfalls multifaktoriell sein muss. Unter anderem sind die oben genannten Anamnesen, die Balance, das häusliche Umfeld, das Hören und Sehen sowie die Stehsicherheit im Assessment zu prüfen. Insbesondere die altersspezifische Fehl- und Übermedikamentierung spielt unter den Sturzursachen eine wichtige Rolle. Hier muss es um Modifikation bzw. Umstellung der Medikamentierung gehen. Durch die Prävention der Osteoporose könnte die Anzahl jener Menschen, bei denen Stürze zu einer Schenkelhalsfraktur führen, deutlich verringert werden. Die Durchführung dieser präventiven Maßnahmen, wie z.B. das Sturzrisiko vermindern, und die Durchführung des präventiven Hausbesuchs sollte der Hausarzt in seiner Rolle als Case Manager für den älteren Patienten initiiere, begleiten und gegebenenfalls selbst übernehmen.

 
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Der präventive Hausbesuch