Armut im Alter


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Die Leistungsfähigkeit eines Alterssicherungssystems wird grundsätzlich auch daran gemessen, wie gut die angestrebten Ziele realisiert werden. Für das Alterssicherungssystem in Deutschland gilt, dass durch die Versicherungs- pflicht präventiv auch einem Eintreten von materieller Armut im Alter entgegen gewirkt werden soll, neben dem – zumindest für die GRV und die Beamtenversorgung im Vordergrund stehenden – Ziel, eine Verstetigung der Einkommensentwicklung beim Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand zu erreichen und einer Teilnahme von Rentnern und Pensionären am Einkommensfortschritt während der immer länger werdenden Phase des "Ruhestandes".

Es ist auch für die Akzeptanz eines Pflichtsicherungssystems, das eine verhältnismäßig hohe Beitragsbelastung der Arbeitseinkommen mit sich bringt, wichtig, inwieweit es in der Lage ist, die an das System gestellten Erwartungen der Beitragszahler zu erfüllen. Aus diesem Grunde wurde in der öffentlichen Diskussion über die Reduzierung des Leistungsniveaus in der gesetzlichen Rentenversicherung immer wieder auf die Gefahr einer Zunahme von Altersarmut, die Verringerung des Abstandes zwischen Renten nach langer Phase der Beitragszahlung und Sozialhilfeleistung, und damit die Gefahr einer dadurch bedingten Reduzierung der Akzeptanz hingewiesen.

Ein grundsätzliches Problem bei Analysen der materiellen Armut stellt die Wahl des Messkonzeptes dar. Hierbei gibt es keine allgemein akzeptierte Vorgehensweise zur Operationalisierung materieller Armut. In der Regel orientiert sich die Messung der Armut an den Daten über die Einkommens- situation. Oftmals wird – insbesondere auch bei international vergleichenden Studien – das Medianeinkommen als Referenzgröße gewählt und ein Bruchteil davon, z. B. die Hälfte des Medianein- kommens, als Armutsgrenze gewählt. Eine andere Vorgehensweise ist, sich an einer so genannten "offiziellen" Armutsgrenze zu orientieren, die bei der Feststellung der Bedürftigkeit und zur Berechtigung von Transfer- leistungen aus dem sozialen Sicherungssystem verwendet wird. In Deutschland ist dies beispielsweise die Einkommenshöhe, ab der ein Haushalt zum Bezug von Leistungen nach dem BSHG berechtigt ist – ohne diese Sozialhilfezahlungen verbliebe er alsonach diesem Verständnis in Armut.

Unabhängig von der absoluten Höhe einer solchen konkreten Einkommensgrenze zeigen die oben herangezogenen Informationen, dass ein nicht unbeträchtlicher Anteil älterer Menschen – vor allem in Westdeutschland lebende alleinstehende Frauen – über ein vergleichsweise niedriges Einkommen verfügt: 9,1 Prozent der alleinstehenden Frauen und 5,2 Prozent der alleinstehenden Männer hatten 1995 ein Nettogesamteinkommen von weniger als 1.000 DM pro Monat. Aus diesen, auf der Basis der ASID ’95 ermittelten Prozentzahlen lassen sich allerdings nur sehr eingeschränkt Aussagen über das Lebenshaltungsniveau dieser Personen ableiten, da in diesen Daten nicht der jeweilige Haushalts- zusammenhang berücksichtigt worden ist. Dies ist jedoch wesentlich für die Beurteilung der materiellen Situation, ist doch mittlerweile hinlänglich bekannt, dass alleinstehend nicht mit alleinlebend gleichgesetzt werden darf. So leben rund 28 Prozent der alleinstehenden Frauen und 33 Prozent der alleinstehenden Männer in einem Mehrpersonenhaushalt 54.

Daten zur Abschätzung der Altersarmut, in denen auch der Haushaltszusammen- hang berücksichtigt wird, liefert die Sozialhilfe- statistik. Die Armut älterer Menschen war, gemessen anhand der Bezieher von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt, verglichen mit anderen Alters- gruppen, für West- und insbesondere für Ostdeutschland relativ niedrig, wie die folgende Tabelle 5-6 aufzeigt.

Anzahl und Altersstruktur der Empfänger von Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen am 31.12.1996

Alter Westdeutschland Ostdeutschland
in Jahren absolut in % Absolut in %
unter 7 395.133 16,58 63.332 20,67
7 bis 14 379.769 15,94 45.483 14,85
15 bis 17 112.873 4,74 14.153 4,62
18 bis 24 205.583 8,63 43.334 14,15
25 bis 29 197.320 8,28 31.161 10,17
30 bis 39 415.523 17,44 52.770 17,23
40 bis 49 247.144 10,37 29.798 9,73
50 bis 59 190.027 7,98 15.444 5,04
60 bis 64 81.365 3,42 4.524 1,48
ab 65 157.745 6,62 6.324 2,06
insgesamt 2.382.482 100,00 306.323 100,00
Quelle:

Breuer & Engels 1999, Schaubild 11.


Wie Tabelle 5-6 entnommen werden kann, sind ältere Personen verglichen mit anderen Altersgruppen unterproportional unter den Beziehern der Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen vertreten. Aber auch der Anteil der Bezieher der Hilfe zum Lebensunterhalt an der entsprechenden Altersgruppe ist relativ niedrig. Dies zeigt Tabelle 5-7, in der Angaben zusammengefasst sind, die sich auf die Situation zum Jahresende 1997 für Deutschland beziehen.

Empfänger von Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen am 31.12.1998, Anzahl sowie Anteil an der Bevölkerung in der je - weiligen Altersgruppe (in Prozent)

Alter
in Jahren
insgesamt männlich weiblich insgesamt männlich weiblich
unter 7 479054 146127 232927 8,6 8,6 8,6
7 bis 14 461113 136759 224354 6,2 6,2 6,2
15 bis 17 135113 67803 67310 4,9 4,8 5,0
18 bis 20 113296 45720 67576 4,1 3,3 5,1
21 bis 24 162888 57098 105790 4,6 3,1 6,0
25 bis 29 227978 82282 145696 4,1 2,9 5,4
30 bis 39 494541 188143 306398 3,5 2,6 4,5
40 bis 49 313034 142528 170506 2,7 2,4 3,0
50 bis 59 221733 103545 118188 2,2 2,0 2,3
60 bis 64 106383 48237 58146 2,0 1,9 2,1
ab 65 188147 53276 134871 1,4 1,1 1,6
insgesamt 2903280 1271518 1631762 3,5 3,2 3,9
Quelle:

Schriftliche Mitteilung des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung auf der Grundlage einer Sonderauswertung der Sozialhilfestatistik.


Tabelle 5-7 zeigt gemessen am Sozialhilfebezug, inwieweit die einzelnen Altersgruppen von Armut betroffen sind. Im Prinzip sinkt mit zunehmendem Alter der Anteil der Empfänger von Sozialhilfe in der jeweiligen Altersgruppe – die Ausnahme bildet die Altersgruppe der 21- bis 25-Jährigen. Von den Personen, die 65 Jahre und älter sind, waren Ende 1998 nur 1,4 Prozent "sozialhilfeabhängig", wobei der Anteil der Frauen mit 1,6 Prozent den der Männer (1,1 %) überstieg. Frauen stellen in dieser Altersgruppe (mit gut 70 %) die bei weitem größte Zahl an Sozialhilfeempfängern.

Dabei bestehen erhebliche Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Wie der Tabelle 5-8 entnommen werden kann, in der neben den absoluten Zahlen auch die Anteilswerte bezogen auf die jeweilige Altersgruppe angegeben ist, tritt die Sozialhilfeabhängigkeit bei den 65 Jahre und älteren Personen in knapp 95 Prozent aller Fälle in Westdeutschland auf. Auch von der Gruppe der Personen, die sich in der Endphase ihrer Erwerbstätigkeit befinden, den 50- bis 59-jährigen, sind etwa 91 Prozent aller Personen in Westdeutschland ansässig. Die höheren absoluten Zahlen beruhen allerdings auch auf der größeren jeweiligen Bevölkerungszahl in Westdeutschland. Jedoch ist auch die altersspezifische „Armutsquote“ in Westdeutschland (bezogen auf die jeweilige Zahl der Personen in der Altersgruppe in West- bzw. Ostdeutschland) deutlich höher als in Ostdeutschland. „Gemessene“ Altersarmut in Ostdeutschland war Ende 1997 verschwindend gering (so bedeutsam sie auch im jeweiligen Einzelfall ist)55.

Anzahl der Empfänger von Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen im Alter von 50 und mehr Jahren in West- und Ostdeutschland und Anteil an der gleichaltrigen Bevölkerung am 31.12.1997

Alter Westdeutschland Ostdeutschland
in Jahren Bezieher in Prozent in Prozent Bezieher in Prozent in Prozent
absolut aller Bezieher* der Altersgruppe** absolut aller Bezieher* der Altersgruppe**
50 bis 59 200.284 91,0 1,9 19.841 9,0 0,2
60 bis 64 90.221 93,4 1,8 6.329 6,6 0,1
ab 65 162.569 94,4 1,2 9.643 5,6 0,1

*Anteil der westdeutschen und ostdeutschen Empfänger an allen Empfängern

**Empfänger je 100 Gleichaltrige in West- und in Ostdeutschland.

Quelle:

Statistisches Bundesamt 1999b: 34 u. 40, sowie eigene Berechnungen.



Diese Angaben beruhen auf einer "offiziellen" Armutsstatistik, die als "Armutsschwelle" die Einkommensgrenzen nach BSHG verwendet. Aber auch auf der Basis einer alternativen Operationalisierung von Armut ergeben sich vergleichbare Ergebnisse. Verwendet man 50 Prozent des durchschnittlichen Nettoäquivalenz- einkommens als Armutsgrenze 56, so ergibt sich auf der Grundlage der EVS ’93, dass bei den westdeutschen Haushalten mit einer Bezugsperson im Alter von 65 Jahren oder älter die Armutsquote nur bei den alleinstehenden Frauen geringfügig überdurchschnittlich ist. Ansonsten liegen die Armutsquoten deutlich unterhalb des Durchschnitts für alle Haushalte Ende der 90er Jahre. Für ältere Haushalte in Ostdeutschland gibt es "… keine nachweisbare relative Einkommensarmut." 57

Grundsätzlich ist somit festzuhalten, dass Altersarmut innerhalb der deutschen Bevölkerung im Vergleich zu anderen Gruppen quantitativ gering war. Dies ist überwiegend auf das bisherige Leistungsniveau der Alterssicherungssysteme zurückzuführen.


54 Die Zahlen entstammen der ASID 92.

5 Über die Höhe der so genannten "verschämten" Altersarmut – also der Nichtinanspruchnahme von Sozialhilfe – liegen nur Vermutungen vor. Die Schätzungen reichen aber nicht über eine Verdoppelung der Zahlen hinaus; für einige Angaben siehe Neumann (1999).

56 Becker (1999: 213). Um die unterschiedliche Haushaltsgröße zu berücksichtigen, wurde das Nettoeinkommen der Haushalte mit einem entsprechenden Faktor gewichtet. Dieses so ermittelte Einkommen wird als Nettoäquivalenzeinkommen bezeichnet.

57 Becker (1999: 213).

 
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Vorwort

Kapitel

Ressourcen des Alters aus individueller und gesellschaftlicher Perspektive

Wechselwirkungen zwischen individueller und gesellschaftlicher Verantwortung

Chancen und Anforderungen des Alters

Kompetenzen älterer Menschen

Ressourcen für ein mitverantwortliches Leben: Das Engagement älterer Menschen in sozialen Beziehungen sowie für unsere Gesellschaft

Kapitel 2

Altersbilder

Kapitel 3

Gesundheit und Versorgungssystem als Ressource

Die gesundheitliche Qualität der gewonnenen Jahre – bisherige Entwicklung und Perspektiven der behinderungsfreien Lebenserwartung

Somatischer Gesundheitszustand

Psychischer Gesundheitszustand

Pflegebedürftigkeit — statistische Angaben

Gesundheits- und Pflegeversorgung

Therapie- und Versorgungsaspekte: Die Potenziale zur Behandlung älterer Patienten mit psychischen Störungen

Pflegerische Versorgung

Perspektiven der Finanzierung und Vergütung einer integrierten Versorgung

Kapitel 4

Arbeit und Arbeitswelt als Ressource

Erwerbsbeteiligung, Erwerbslosigkeit und Erwerbsformen Älterer

Ältere Arbeitnehmer aus betrieblicher Perspektive

Zur Veränderung betrieblicher Personalpolitik

Ressourcen, Einbußen und Kompensationsmöglichkeiten älterer Arbeitnehmer

Der Übergang in den Ruhestand

Kapitel 5

Ökonomische Ressourcen im Alter

Quellen und Determinanten der Einkommens- und Vermögenssituation im Alter

Zur Einkommenslage im Alter in den neunziger Jahren - Unterschiede und Entwicklungslinien

Heterogenität der Einkommenslage in Westdeutschland

Armut im Alter

Vermögensbestände

Entwicklungstendenzen der Einkommenslage I: Einige Ergebnisse der AVID ’96

Entwicklungstendenzen der Einkommenslage II: Ergebnisse der Simulationsstudien

Kapitel 6

Soziale Ressourcen

Austausch und Hilfe in sozialen Netzwerken

Bürgerschaftliches Engagement

Kapitel 7

Räumliche, infrastrukturelle und technische Umwelten als Ressource

Kapitel 8

Rechtliche Umwelt als Ressource

Kapitel 9

Literaturliste