|
Generationenkonstellationen

Die große Mehrzahl älterer Menschen hat Kinder und somit die strukturelle Voraussetzung
für Kommunikation, Austausch und Unterstützung seitens der Kinder. Nach den Ergebnissen des Alters-Surveys 90 von 1996 haben nur 14 Prozent der 70- bis 85-Jährigen und nur 12,5 Prozent der 55- bis 69-Jährigen in Privathaushalten wohnenden Menschen keine Kinder91
(Kohli & Künemund 1999). Da die 40- bis 54-Jährigen noch etwas seltener kinderlos sind (11,8 %) und der Anteil derer mit mindestens zwei Kindern über die drei betrachteten Altersgruppen hinweg relativ konstant ist, wird sich an dem Vorhandensein erwachsener Kinder als
wichtige soziale Ressource im Alter in den nächsten zwei Jahrzehnten nur wenig ändern.
Im früheren Bundesgebiet nimmt allerdings der Anteil kinderlos bleibender Männer und
Frauen kohortenspezifisch ab den Geburtsjahrgängen der fünfziger Jahre zu. Seit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten steigt auch in den neuen Bundesländern der Anteil kinderlos Bleibender. Nach Schätzungen des Bundesinstituts für Bevölkerungs- forschung werden von den 1965 geborenen Frauen im Westen Deutschlands mehr als 30 Prozent, im Osten mindestens 26 Prozent keine Kinder gebären (Dorbritz & Gärtner 1999). Zugleich hat sich die Zunahme der Kinderlosigkeit beschleunigt und diejenigen, die Kinder bekommen, tun dies in einem immer höheren Alter. Verheiratete Frauen sind heute bei der Geburt des
ersten Kindes der bestehenden Ehe im Durchschnitt schon 28½ Jahre alt. Für die Eltern dieser jüngeren Kohorten werden sich diese beiden Entwicklungen mittelfristig in einem wieder zunehmendem Altersabstand zwischen Enkeln und Großeltern und einer schrumpfenden Zahl an
Enkelkindern auswirken. Die zunehmende Kinderlosigkeit ihrer erwachsenen Kinder führt jedoch nicht im selben Umfang zu einem Anstieg der Enkellosigkeit bei den Männern und Frauen, die gegenwärtig und in nächster Zukunft ins Rentenalter kommen. Denn sie gehören
zu den Generationen mit den höchsten durchschnittlichen Kinderzahlen der Nachkriegszeit. Mit der Zahl der eigenen Kinder steigt auch die Wahrscheinlichkeit, Enkel zu bekommen.Daher führt die zunehmende Kinderlosigkeit der nachfolgenden Generationen noch nicht zu einem entsprechenden Anstieg der Enkellosigkeit.
Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung erleben heutige Kinder ihre Großeltern – trotz des inzwischen wieder merklich steigenden Altersabstands der Generationen – immer noch weit häufiger und länger als dies früher der Fall war. Die Großelternphase nimmt inzwischen fast ein Drittel der durchschnittlichen Lebensdauer ein. Die überwiegende Mehrheit der Frauen und Männer über 60 Jahren sind Großeltern. Für die Frauen beginnt die Großmutterschaft durchschnittlich mit ca. 50 Jahren, in etwa mit dem Auszug des jüngsten Kindes. Im Schnitt
können sie dann im Laufe der Jahre noch zwei weitere Enkelkinder erwarten (Herlyn et al. 1998).
Insgesamt hatten 1996 rund 60 Prozent der 55- 69-Jährigen und 75 Prozent der 70- bis 85-
Jährigen Enkelkinder, 23 Prozent der 70- bis 85-Jährigen auch Urenkel (Kohli et al. 2000: 183). Diese hohe Häufigkeit des gleichzeitigen Vorhandenseins von vier Generationen in der Familienabfolge und der langen gemeinsamen Lebenszeit von älterer Menschen mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln ist eine Folge des jungen Alters beim Übergang zur Elternschaft und Großelternschaft in den ersten drei Nachkriegsjahr- zehnten und der verlängerten Lebenserwartung. Zusammen mit dem säkularen Rückgang der Kinderzahlen in den Familien hat dies die Vertikalisierung der Familien- strukturen und die Herausbildung der "Bohnen- stangenfamilie" beschleunigt. Diese historisch einmalige Generationentiefe wird sich jedoch auf
Grund des Trends zum biografischen Hinausschieben der Elternschaft und der wachsenden Kinderlosigkeit nicht fortsetzen.
In den neuen Bundesländern sind die Mehrgenerationenkonstellationen wegen der seit Jahrzehnten selteneren Kinderlosigkeit sowie des niedrigeren Familiengründungsalters (und damit
des kürzeren Generationenabstands) häufiger als in den alten Bundesländern. So haben im Osten Deutschlands 36 Prozent der 70- bis 85-Jährigen Urenkel, im Westen nur 17 Prozent. Dieser Ost-West-Unterschied in der Generationentiefe wird noch länger erhalten bleiben.
Denn in den neuen Bundesländern waren 1996 von den 55- bis 69-Jährigen 76 Prozent Großeltern, im früheren Bundesgebiet nur 52 Prozent, und von den 40- bis 54-Jährigen hatten im Osten 94 Prozent, im Westen nur 86 Prozent Kinder (Künemund & Hollstein 2000). Der abrupte Geburtenrückgang und das stark gestiegene Gebäralter nach der Wende wird in Ostdeutschland
erst in zwei Jahrzehnten voll auf die Generationentiefe und Familienkonstellation alter Menschen durchschlagen. Gegenwärtig und in nächster Zukunft sind die Chancen für
eine familiale Integration älterer Menschen rein morphologisch im Osten Deutschlands noch höher als im Westen. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass insbesondere aus strukturschwachen Gebieten der neuen Bundesländer Angehörige der jüngeren Generationen arbeitsmarktbedingt weggezogen sind oder pendeln und oft nur noch an den Wochenenden zu Hause sind. Alte Menschen werden in diesen Fällen mit beträchtlichen räumlichen Entfernungen zu erwachsenen Kindern und Enkelkindern und/oder zeitlichen Beschränkungen persönlicher Kontaktmöglichkeiten konfrontiert (Haupt 1999: 65).
90 Der Alters-Survey ist eine im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von der Forschungsgruppe "Altern und Lebenslauf" der Freien Universität Berlin unter der Leitung von Prof.Martin Kohli durchgeführte repräsentative Interview-Erhebung mit knapp fünftausend Befragten der Geburtsjahrgänge 1911 bis 1956.
91 einschl. Kinder des (Ehe-)Partners, Pflege- und Adoptivkinder.
|
|