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Geleistete und empfangene Unterstützung

Die Befunde des Alters-Surveys zeigen, dass erwachsene Kinder und Eltern sich im allgemeinen emotional eng verbunden fühlen, häufig miteinander in Kontakt stehen und sich mit finanziellen Transfers und immateriellen Hilfeleistungen unterstützen (vgl. Tabelle 6-8,
Abbildung 6-3, und Kohli et al. 2000: 205). Im sozialen Netzwerk älterer Menschen nehmen neben dem Partner die Kinder bei allen Unterstützungs- bereichen eine zentrale Position ein.
Materielle Transfers an Familien- angehörige wurden im Jahr vor der Befragung von rund einem Drittel der 40- bis 85-jährigen Befragten des Alters-Surveys geleistet. Die Empfänger sind zu 84 Prozent Kinder. Die Jüngeren erhalten von den Älteren in nicht unerheblichem
Maße Geld und größere Sachgeschenke. Ein Viertel der 70- bis 85-Jährigen leistete materielle
Transfers an Kinder und ein Siebtel auch an Enkelkinder. Auf der anderen Seite erhält gut ein
Fünftel der Älteren instrumentelle Unterstützung von den Kindern (Kohli & Künemund 1999: 45 f.). Den abwärts gerichteten monetären Transferfluß bestätigen auch Ergebnisse der Berliner Alterstudie, nach denen rund 30 Prozent aller ab 70-Jährigen monetäre Transfers an ihre Kinder leisten, und zwar im Durchschnitt ca. 4000 DM pro Jahr (Mayer & Baltes 1996).
Es scheint den "kleinen Generationen- vertrag" (Deutscher Bundestag 1998) zu geben, der sich über innerfamiliale Transfer- und Hilfeleistungen realisiert: 90 Prozent aller gegenseitigen Hilfen, finanziellen Transfers und der wechselseitigen Unterstützung findet in der engen Verwandtschaft statt, wobei die materiellen Ressourcen in der familialen Generationenfolge
hauptsächlich kaskadenförmig von den Älteren zu den Jüngeren fließen und die Älteren von
den Jüngeren instrumentelle Hilfen erhalten.
Die Motive für die Gabe und Entgegennahme familialer Hilfen sind vielfältig. Sie reichen von der altruistischen Unterstützung, dem Ausdruck von Zuneigung und emotionaler Enge über Motive der normativen Verpflichtung zur Hilfe bis zu Motiven des gegenseitigen Austauschs, der Förderung und der Einflussnahme. Das Geben und Nehmen in den Familienbeziehungen läßt sich nicht allein einer zentralen Logik, einem Leitmotiv unterordnen. Das familiale Hilfe und Transfer- geschehen wird sowohl durch Gedanken der Liebe, der Solidarität, aber auch des Tauschs, unterschiedlichen Vorstellungen von Reziprozität (direkt, verzögert, generalisiert, intergeneratio- nell) und Aspekten der Anerkennung, Bindung und Macht beeinflusst. Von großer Bedeutung ist zudem die Ressourcenausstattung der Geber und Nehmer und die unterschiedlichen Bedarfslagen im familialen Gefüge. (Walter, W. 1993; Marbach 1994 u. 1997;
Alt 1994; Künemund & Rein 1999; Lüscher & Pajung- Bilger 1999; Motel 2000).
Betrachtet man die Leistungsdichte instrumenteller Hilfen für Personen, die nicht im selben Haushalt leben, nimmt diese zwar mit steigendem Alter ab; doch hatte nach den Ergebnissen des Alters-Surveys noch jeder fünfte Mann und jede sechste Frau zwischen dem 70. und 85. Lebensjahr in den vergangenen 12 Monaten vor der Befragung haushaltsfremde Personen unterstützt. Diese Leistungen sind in den neuen Bundesländern häufiger. Sie umfassen Formen wie: Beratung, Hilfe im Haushalt, Umgang mit Behörden, Kinderbetreuung, Hilfe bei Krankheit und Pflege.
Enkelbetreuung
Die bei vielen älteren Menschen vorhandenen gesundheitlichen und finanziellen Voraussetzungen für ein aktives Leben nutzen diese sowohl für eigene Interessen, als auch zugunsten
anderer, insbesondere zugunsten ihrer Angehörigen. Am Beispiel der Betreuung ihrer Enkel und anderer Kinder sowie der Übernahme von Pflegeleistungen belegt der Alters-Survey die hohe Wertschöpfung durch unbezahltes Engagement älterer und alter Menschen. Eine (Enkel)- Kinderbetreuung leisten am häufigsten die 55- bis 69-Jährigen; ältere Großeltern haben vermutlich Enkelkinder in einem Alter, in dem eine Betreuung überflüssig wird. Wie auch bei den Pflegetätigkeiten sind es eher die Frauen, die in diesem Bereich aktiv sind. Deutlich zeigt sich hier auch ein Unterschied zwischen den alten und neuen Bundesländern: Von beiden Geschlechtern und in allen Altersgruppen wird Kinderbetreuung in den neuen Bundesländern
häufiger ausgeübt. Dies dürfte z.T. auf die etwas höhere Fertilität und das niedrigere Alter der
Eltern in den neuen Bundesländern zurückgehen. Faktisch ist die Gelegenheitsstruktur bei den
Älteren in den neuen Bundesländern höher. Der Zeitaufwand für Enkelbetreuung liegt im
Durchschnitt bei ca. 41 Stunden pro Monat. Die Varianz ist aber erheblich und reicht von nur
einer Stunde im Monat bis zur "Rund-um-die-Uhr- Betreuung".
Die Großeltern sind im allge- meinen wichtige Bezugspersonen für ihre Enkel und vermitteln ihnen eine über die Eltern hinaus- reichende familiäre Perspektive (Herlyn et al. 1998). Auch hilfsbedürftige Großeltern mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen bedeuten für den jungen Menschen eine wichtige Erfahrung, indem sie auch die schwierigen Seiten
des Altwerdens bewußt miterleben (Krappmann 1997). Die Großeltern-Enkel-Beziehung ist ein wichtiger Bestandteil der "multilokalen Mehrgenerationenfamilie" (Bertram 1997).
Die Großeltenrolle wird von den meisten älteren Menschen akzeptiert. Dabei widmen Großväter ihren Enkeln heute mehr Zeit als früher den eigenen Kindern. Eine gefühlsmäßige Beziehung
zwischen Großvater und Enkel ist jedoch keine Selbstverständlichkeit, sondern verlangt den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses (Michaelis 1999). Für Großmütter hat die Großmutterschaft generell eine hohe Bedeutung (Herlyn et al. 1998). Darauf hat die vielfach ausgeübte Erwerbstätigkeit kaum Einfluss. Großmütter sind in vielfältigen Beziehung zu den Enkelkindern eingebunden und in unterschiedlicher Weise aktiv mit ihnen. So ist die Kontakthäufigkeit der Großmütter generell hoch: jede sechste Großmutter sieht mindestens eines ihrer Enkelkinder täglich, jede vierte hat mehrmals in der Woche Kontakt (ebd.). Es zeigen
sich vor dem Hintergrund der unterschiedlichen biographischen Erfahrungen verschiedene
Großmutterstile von "familienorien- tiert", "doppelorientierten" und "stärker außerfamilial orientierten"
Großmüttern (ebd.). Die familienorientierten Großmütter zeichnen sich aber nicht, wie man annehmen könnte, durch eine rein altruistische Form von Familiensolidarität aus. Und die eher außerfamilial orientierten Großmütter zeigen durchaus ein gewisses Engagement im Hinblick auf die Beziehung zu Enkeln und sind zur Verantwor- tungsübernahme im Notfall bereit. Es zeigt sich, dass intensives Großmuttersein mit verschiedenen, durchaus auch modernen Lebenskonzepten und unterschiedlichen Beziehungsmustern im Mehr- generationenzusammenhang verbunden ist (ebd.).
Paarbeziehung und Partnerunterstützung
Sofern ältere Menschen in einer Paarbeziehung leben, ist der Partner mit Abstand die größte soziale Ressource (Tabelle 6-8). Die Partnerschaften alter Menschen sind bislang allerdings eher selten Gegenstand wissenschaft- licher Analysen. In Untersuchungen zur Ehezu- friedenheit nach Alter und Ehedauer zeigt sich zumeist ein u- förmiger Verlauf, mit Höhepunkten zu Beginn der Beziehung und in der "Phase des leeren Nests" (Fooken 1992 und 1995). Die besondere Qualität der Paarbeziehung ergibt sich aus ihrer Intimität. Man kann davon ausgehen,
dass Intimität kein einmal erreichter Zustand im Lebensverlauf, sondern ein prozessuales Geschehen
ist, eingebunden in einen permanenten Entwick- lungsprozess. Die wenigen relevanten Arbeiten zum Thema zeigen deutlich, dass Intimität im Alter sich zumeist nicht als ein quantitatives Mehr oder Weniger darstellt, sondern als eine qualitative Umstrukturierung. Im Alter werden in der Paarbeziehung stärker die Intimitätskomponenten emotionale Sicherheit und Loyalität betont und weniger der Aspekt der sexuellen Intimität. Gefühle der Zugehörigkeit und Zärtlichkeit haben eine höhere Bedeutung. Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass für die Zufriedenheit mit Sexualität im Alter nicht die Frage nach dem Entweder–Oder die entscheidende ist, d.h. es geht nicht um die Aufrechterhaltung der Sexualität um jeden Preis oder um Abstinenz, sondern um die Tatsache der Kommunikation zwischen den Partnern über ihre sexuellen Ansprüche, Bedürfnisse und Befürchtungen (Fooken 1980 u. 1990; von Sydow
1992a). Probleme in der Sexualität alternder Menschen sind in erster Linie nicht physisch,
sondern sozial zu begründen. Auf die Frage nach sexuellen Problemen nannten 50- bis 91- jährige Frauen nur selten funktionelle Störungen, sondern emotionale und Beziehungsprobleme (von Sydow 1992b). Nach einschlägigen Studien sind etwa 80 Prozent der 60- bis 65- jährigen sowie 50 bis 70 Prozent der über 78-jährigen Männer weiterhin an Sexualität interessiert. Die entsprechenden Anteile der Frauen sind kleiner, nämlich 50 bis 70 Prozent bei 60- bis 65-jährigen und etwa 30 Prozent bei über 78-jährigen Frauen. Das persönliche sexuelle Interesse und Verhalten im Alter scheint sehr davon abzuhängen, ob Sexualität im gesamten bisherigen Leben ein wichtiger Faktor war oder nicht. Wenn ein Mensch in jüngeren Jahren
sexuell aktiv war und auf psychoerotischem Gebiet umfangreiche Erfahrungen gesammelt hat, wird er dies in der Regel bis ins hohe Alter fortsetzen wollen. Bei einer Repräsentativbefragung älterer Menschen ab 61 Jahren in den alten Bundesländern gab ein Drittel an, in den letzten zwölf Monaten sexuellen Verkehr gehabt zu haben; von denen mit Partner bzw. Partnerin waren zwei Drittel der 61- bis 70-Jährigen und etwa ein Drittel der über 70-Jährigen sexuell aktiv (Unger & Brähler 1998). Die Vorstellung, alte Menschen hätten kaum mehr sexuelle Interessen und Paarbeziehungen im Alter seien im allgemeinen asexuell, sind falsch.
Wie betont, sind Ehe- und Lebenspartner – sofern vorhanden – die Hauptunterstützer im Alter. Fehlen sie, überwiegend auf Grund des Verlusts des Partners (durch Tod oder Scheidung), lässt sich nach den Ergebnissen des Alters-Surveys nur eine teilweise Substitution der fehlenden Partnerunterstützung durch eine Höhergewichtung anderer Netzwerkmit- glieder erkennen. Nur die Kinder werden bei Partnerlosen – hauptsächlich bei der kognitiven und emotionalen Unterstützung – deutlich überdurchschnittlich genannt, und das Vertrauen auf die Hilfe der Enkelkinder im Bereich der instrumentellen Unterstützung steigt.
Bei kinderlosen Paaren hat der Partner einen - gegenüber Elternpaaren - noch höheren Stellenwert im Unterstützungsnetzwerk. Fällt diese Ressource weg, ist selbst ein teilweiser Ausgleich durch die Möglichkeit, sich auf die erwachsenen Kinder zu stützen, nicht möglich. Für kinderlose Ältere stellt daher der Verlust des Partners eine gegenüber Älteren mit Kindern noch stärkere und dauerhaftere Einbuße im sozialen Netzwerk dar.
>Nennungshäufigkeit und Rangfolge der Personen, an die sich 70- bis 85-
Jährige bei Bedarf nach Unterstützung wenden – könnten – , 1996*
| Rang | Person repräsentiert kognitives Unterstützungspotenzial |
Person repräsentiert emotionales Unterstützungspotenzial |
Person repräsentiert instrumentelles Unterstü tzungspotenzial |
| 1. |
Partner (74 %) |
Partner (76 %) |
Partner (99 %) |
| 2. |
Kinder (65 %) |
Kinder (56 %) |
Kinder (56 %) |
| 3. |
Freunde (9 %) |
Freunde (11 %) |
Nachbarn (16 %) |
| 4. |
Geschwister (9 %) |
Geschwister (10 %) |
Enkel (13 %) |
| 5. |
Andere Verwandte (4 %) |
Andere Verwandte (4 %) |
Freunde (10 %) |
| 6. |
Nachbarn (3 %) |
Enkel (4 %) |
Bezahlte Helfer (8 %) |
| 7. |
Enkel (3 %) |
Nachbarn (4 %) |
Geschwister (7 %) |
| 8. |
Andere Personen (3 %) |
Andere Personen (4 %) |
Andere Verwandte (5 %) |
nachrichtlich:
Anteil derer, die sich an niemand wenden könnten |
13 % |
14 % |
23 %** |
*) sofern diese Personen existieren;
**) Anteil derer, die außerhalb des eigenen Haushalts niemand haben, an den sie sich mit der Bitte um instrumentelle Hilfen
wenden könnten.
Quelle:Alters-Survey 1996 (Künemund & Hollstein 2000: 254, 270-272.); in Privathaushalten lebende Befragte.
Lesebeispiel:Sofern die Befragten einen Partner haben, wird dieser von 76 Prozent als Person genannt, an die man sich wenden könnte, wenn man traurig ist, Trost oder Aufmunterung benötigt (emotionales Unterstützungspotenzial).
Angehörigenpflege
Neben dem Partner sind die Kinder die wichtigste soziale Ressource älterer Menschen. Dies zeigt sich vor allem dann, wenn alte Menschen Hilfe benötigen. Offenbar wird dies beispielsweise bei häuslicher Pflegebedürftigkeit im verwandtschaftlichen Verhältnis zwischen
Pflegenden und Gepflegten.
In Deutschland leben rund 1,8 Mio. Menschen, die einer regelmäßigen Pflege bedürfen und Leistungen der Pflegeversicherung erhalten. Von diesen Menschen sind mehr als vier Fünftel
60 Jahre und älter (vgl. Kapitel 3.1.4). Weniger als ein Drittel aller älteren Menschen mit
Pflegebedarf wird in Heimen oder anderen Institutionen versorgt. Die weitaus meisten leben
zu Hause und werden von Familienangehörigen betreut (Tabelle 6-9).
Tabelle 6-9: Geschlecht, Alter, Wohnort und Verwandtschaftsbeziehung der privaten Hauptpflegepersonen zu den Pflegebedürftigen in Privathaushalten, 1998
| Merkmal der Hauptpflegeperson Anteil |
(in %) |
| Geschlecht |
| weiblich |
80 |
| männlich |
20 |
| Alter (in Jahren) |
| unter 40 |
15 |
| 40 – 64 |
53 |
| 65 – 79 |
27 |
| 80 und älter |
5 |
| Verwandtschaftsbeziehung zur
pflegebedürftigen Person |
| (Ehe-)Partnerin |
20 |
| (Ehe-)Partner |
12 |
| Mutter |
11 |
| Vater |
2 |
| Tochter |
23 |
| Sohn |
5 |
| Schwiegertochter |
10 |
| Schwiegersohn |
0 |
| Sonstige Verwandte |
10 |
| Nachbar/Bekannte(r) |
7 |
| Wohnort |
| Gleicher Haushalt wie Pflegebedürftige(r) |
73 |
| Getrennter Haushalt |
27 |
Quelle: Schneekloth & Müller 2000: 52-54
Nach den Ergebnissen der Infratest-Repräsentativerhebung 1998 (Schneekloth & Müller 2000) tragen in neun von zehn Fällen Angehörige aus dem engeren Familienkreis die Hauptverantwortung für die Pflege und Betreuung der pflegebedürftigen Person. Bei einem Drittel
ist es die Partnerin (20%) oder der Partner (12%), bei einem weiteren Drittel eine Tochter (23%) oder Schwiegertochter (10%), und 13 Prozent werden hauptsächlich von der Mutter (11%) oder dem Vater (2%) gepflegt. 80 Prozent der pflegenden Angehörigen sind Frauen. Gut die Hälfte der Hauptpflegepersonen ist zwischen 40 und 64 Jahren alt, ein Drittel älter. Am häufigsten werden Elternteile, am zweithäufigsten der Partner gepflegt. Dabei steht nach Ergebnissen von Fuchs (1999) die Pflegekonstellation "Frau pflegt eigene Mutter" an erster Stelle, gefolgt von "Frau pflegt Ehemann" und "Frau pflegt Schwiegermutter". "Mann pflegt
Mutter" steht an sechster Stelle.
Im Geschlechtervergleich zeigt sich durchgängig das traditionelle Bild: Frauen treten häufiger als Unterstützerinnen in Erscheinung bzw. sind durch diese Leistungen im informellen Netz stärker belastet, da sie in erster Linie Pflegeaufgaben übernehmen und für emotionalen Rückhalt verantwortlich sind (Diewald 1990). Ergebnisse zur allgemeinen Pflegebereit- schaft zeigen deutlich, dass diese mit der Nähe innerhalb des sozialen Netzwerkes korrespondiert. So gaben in einer Studie von Halsig (1995) 95,6
Prozent der Befragten an, ihren Partner bei Bedarf zu pflegen, 91 Prozent waren bereit, dies
für ihre Kinder zu tun und 86,4 Prozent für die Eltern. Für die Schwiegereltern bestand diese
Bereitschaft bei fast zwei Dritteln der Probanden. Demnach gibt es eine ausgesprochen große Bereitschaft, Pflege innerhalb der Kernfamilie zu leisten. Dazu trägt oft allerdings auch der
soziale Druck aus der Verwandtschaft und dem sozialen Umfeld der Pflegenden bei. So übernehmen
z.B. Töchter die Hilfe und Pflege gegenüber den alten Elternteilen in höherem Maße
"unter Druck" als dies Ehepartnerinnen von pflegebedürftigen Männern tun (ebd.).
Es darf nicht übersehen werden, dass für viele helfende oder pflegende Kinder eine ambivalente Situation entsteht. Einerseits zählen sie ihre Eltern im allgemeinen zu den Menschen,
denen sie sich eng verbunden und verpflichtet fühlen. Die normativen Vorstellungen filialer
Solidarität kommen im Falle der elterlichen Hilfs- bedürftigkeit besonders zum Tragen. Andererseits
sehen sie die Belastungen und Einschränkungen und klagen auch über Spannungen und Beziehungs- konflikte. Konflikte, die auch unabhängig von elterlicher Hilfsbedürftigkeit beispielsweise dadurch entstehen können, dass alte Menschen an ihrer Elternrolle festhalten oder die Kinder Veränderungen der Eltern durch das Altwerden nicht akzeptieren.
Hilfe und Unterstützung zu leisten und zu empfangen kann für alle Beteiligten erhebliche Belastungen beinhalten. Dies wird insbesondere in der familialen Pflege besonders sichtbar. In der Infratest-Erhebung von 1998 kennzeichneten neun von zehn pflegenden Angehörigen diese Aufgabe als belastend, 48 Prozent empfanden die Situation sogar als sehr stark belastend (Schneekloth & Müller 2000: 56). Die Belastungskategorien von Pflegenden folgen nach den Ergebnissen einer anderen Studie (Boeger & Pickartz 1998) folgender Rangfolge: Einschränkung des eigenen Lebens, Gebundenheit ans Haus, Verhalten/ Zustand des Pflegebedürftigen, negative Auswirkungen auf die Familie, Pflegeaufgaben, gesundheitliche Krisen
und Hilflosigkeit gegenüber Schmerzen, eigene gesundheitliche Verfassung, mangelnde institutionelle Unterstützung, fehlende soziale Unterstützung oder soziale Konflikte, ungewisse
Zukunft, Verlust unwiederbringlicher Jahre des eigenen Lebens. Dabei korrespondieren folgende
Merkmale der Pflegesituation mit einer zunehmenden Belastung der pflegenden Frauen. Sie fühlen sich stärker belastet, je schlechter der Gesundheits- zustand des Pflegebedürftigen ist, mit höherer Pflegestufe, je älter die zu Pflegenden sind. Darüber hinaus fühlen sich jüngere Pflegende mehr belastet als ältere und Frauen, bei denen noch Kinder im Haushalt leben. Art und Ausmaß der Belastung hängen zudem von der spezifischen Pflegesituation ab. Bracker (1990) stellt fest, dass es nur wenige Frauen schaffen, sich soweit abzugrenzen, dass sie geduldig, reflektiert, strategisch und mit den eigenen Ressourcen haushaltend die Pflege ihrer Eltern praktizieren können. Männer zeigen diesbezüglich ein für sie "gesünderes" Verhalten (Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen 1993:93).
Überdurchschnittlich hohe Depressionswerte, vegetative und psychosomatische Beschwerden
der Pflegenden weisen darauf hin, dass die Pflegesituation familiale Potentiale auch überfo rdern kann. Wird das zu bewältigende Maß an Belastung überschritten, dann kann diese Überforderung auch zum Auftreten von Aggression und Gewalt in der familialen Pflege führen.
Auf der Basis einer repräsentativen Studie für die Bundesrepublik Deutschland (Wetzels et al. 1995: 177) wird geschätzt, dass mindestens 3,4 Prozent der 60- bis 75-Jährigen im Jahr 1991 Opfer innerfamiliärer physischer Gewalt wurden. Bezogen auf die Grund- gesamtheit der bundesdeutschen Bevölkerung wären demnach jährlich ca. 340 000 Menschen zwischen 60 und 75 Jahren von physischer Gewalt im Privatraum von Familie und Haushalt betroffen. In erster
Linie üben die Gewalt nahe stehende Familienmit- glieder aus, die täglichen Kontakt zum alten
Menschen haben.
Das Risiko des alten Menschen, Adressat von Gewalt zu werden, steigt mit zunehmender Abhängigkeit von Hilfe und Pflege durch andere Personen. Die demographische Entwicklung wird uns zunehmend mit diesem Phänomen konfrontieren, weil immer mehr alte Menschen
ein immer höheres Alter erreichen und damit der prozentuale Anteil pflegebedürftiger Menschen
wächst. Welche Formen der Gewalt vorherrschen, ist schwer zu ermitteln. Doch scheinen die psychische Misshandlung und die Vernachlässigung die häufigsten Erscheinungen zu sein.
Da Frauen überproportional häufig in die Pflege des Partners oder der Eltern involviert sind, kommen sie häufiger als Männer in aggressionsträchtige Situationen. Aber auch die alten Menschen, die zu den Opfern von Gewalt werden, sind überwiegend wieder Frauen, zumindest
was schwerwiegendere Formen von Gewalt anbelangt. Sie sind in der Regel hilfe- und pflegebedürftig auf Grund körperlicher und psychischer Krankheiten, und sie leiden besonders
unter den psychischen Folgen der Gewalt. Sowohl die pflegenden Familienangehörigen als auch die Hilfsbedürftigen befinden sich oft in einer sozial isolierten Situation, bei der Opfer und "Täter" in gegenseitiger Abhängigkeit verbunden sind. Pflegende und Gepflegte sind
oftmals in gegenseitiger Gewalt verstrickt, können "Täter" und Opfer zugleich sein.
Gewalt entsteht häufig in Situationen der Ausweglosigkeit, Angst und Überforderung. Ein zentraler Faktor in der Pflegesituation ist die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität. Häufig wird die private Pflege eines alten Menschen übernommen, weil ein Familienmitglied der Meinung ist, es sei sozial verantwortlich und habe seinen Eltern einen Dank abzutragen. Es kann auch sein, dass man in die Pflege hineingedrängt wird, weil sie ein anderer eben nicht übernimmt. Die pflegende Person geht mit der Erwartung in die Situation, die An- forderungen bestehen zu können; eine Erwartung, die enttäuscht werden kann. Dazu kommt noch der Ausblick auf die Zukunft und die Feststellung, dass die Bürde der Pflege kein absehbares Ende
nimmt. Aggression und Gewalt sind in einer solchen Lage eine mögliche Form der Zukunftsabwehr
oder Reaktion auf eine Überlastungssituation.
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