Familialer Austausch bei älteren Migranten


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Die Familienbeziehungen älterer Migranten weisen besondere Spezifika auf. Eine Besonderheit ihrer familialen Netzwerke besteht darin, dass sie häufig transnationale Austausch- und Hilfebeziehungen beinhalten. Auch im Alter werden Kontakte mit der Herkunftsgesellschaft beibehalten oder sogar verstärkt. Dies äußert sich u.a. in einer hohen grenzüberschreitenden Mobilität älterer Migranten (vgl.Dietzel- Papakyriakou & Olbermann 1998: 49 f. und Schuleri- Hartje 1994: 72 f.) Es muss davon ausgegangen werden, dass ein großer Teil der heute älteren Menschen bestimmter Nationalitäten, die der ersten Migrantengeneration angehörten, noch Kinder im Herkunftsland hat. In einigen kleineren Studien wurden Anteile zwischen rund 40 Prozent und 50 Prozent ermittelt (vgl. Deutsches Rotes Kreuz 1991, Zentrum für Türkeistudien 1992, Olbermann & Dietzel–Papakyriakou 1995, Freie und Hansestadt Hamburg 1998: 150). Die Arbeitsaufnahme der ersten Generation der Arbeitsmigranten in Deutschland war in der Regel kein individuelles Vorhaben, sondern ein eng in den familiären Kontext der Herkunfts- länder eingebundenes Familienprojekt. Mit der bei zunehmender Aufenthaltsdauer stattfindenden Veränderung der subjektiven Migrationsziele und Rückkehrabsichten veränderten sich die Netzwerk- beziehungen der Migranten. Die Orientierung auf die Beziehungen in den Herkunftsländern schwächte sich ab, denn "im Verpflichtungsgefüge finden im Laufe der Migration ‚Umbesetzungen‘ statt, z.B. verschieben sich die Loyalitäten immer mehr auf die eigenen Kinder und Enkelkinder" (Dietzel- Papakyriakou 1993: 38).

Innerhalb der Migrantenfamilien in Deutschland stellen die älteren Migranten eine große Hilfe- ressource dar. Die bedeutendsten Hilfe- und Unterstützungsempfänger sind, wie in deutschen Familien auch, zum einen die Kinder und Enkel, zum anderen die Ehegatten. Insgesamt gaben bei einer Untersuchung aus dem Jahr 1995 (Olbermann & Dietzel-Papakyriakou) 91 Prozent der Befragten an, ein breites Spektrum von Unterstützungsleistungen für andere zu erbringen. Die Kinder stellen mit Abstand die Hauptadressaten dar. 73 Prozent derjenigen, die Hilfeleistungen geben, unterstü- tzen ihre Kinder, 31 Prozent ihre Enkel.96 Im Vordergrund stehen die Beratung von Kindern in persönlichen Angelegenheiten und praktischen Fragen, die finanzielle Unterstützung sowie Hilfe im Haushalt und bei der Kinderbetreuung (vgl. Abbildung 6-4). Bei den empfangenen Unterstüt- zungen nimmt die Hilfe bei Behördenangelegenheiten eine herausragende Stellung ein. Daneben erhalten die älteren Migranten von den Kindern weitere Hilfestellung z.B. bei häuslichen Aktivitäten wie schweren Hausarbeiten.

Mit 44 Prozent sind auch die Partner älterer Migranten wesentliche Unterstüt- zungsempfänger (Olbermann & Dietzel-Papakyriakou 1995: 105). Und auch die Hilfeerwartungen älterer Migranten richten sich– wie bei den Deutschen – primär auf den Partner und die eigenen erwachsenen Kinder, wobei sie im Durchschnitt mehr Kinder als Deutsche und häufiger Kontakt mit ihnen haben.

Es gibt jedoch kulturspezifische Besonderheiten: So liegt beispielsweise in türkischen Familien ein hohes Solidaritätspotenzial in den Beziehungen zu Verwandten der gleichen Generation, insbesondere zu den Geschwistern. Diese intragenerationellen Verwandtschaftsbe- ziehungen weisen eine hohe Stabilität über den gesamten Lebenslauf auf (vgl. Nauck & Kohlmann 1998: 226 u. 230).

Die im Durchschnitt guten familiären Unterstützungspoten- ziale sollen nicht existierende Probleme vergessen lassen. Zum einen wird häufig von der Tendenz der Überforderung von Hilfebeziehung in Migranten- familien auf Grund der ablehnenden Haltung gegenüber professioneller Hilfe und deren verspäteter Inanspruchnahme berichtet. Zum anderen existieren Gruppen mit deutlich kleineren und weniger leistungsfähigen sozialen Netzen, insbesondere bei alleinlebenden älteren Migranten. Zwar führt das Alleinleben nicht automatisch zu einer Risikolage, da die Betroffenen – wie auch alleinlebende Deutsche – durchaus Kompetenzen für diese Lebensform erworben haben. Wenn bei ausländischen Alleinlebenden aber in der räumlichen Nähe nicht auf Hilfe aus Familien- oder Verwandschaftbeziehungen zurückgegriffen werden kann, können wegen bestehender Zugangsbarrieren zu professioneller Hilfe Situationen chronischer Unterversorgung bei dieser Gruppe entstehen (vgl. Naegele, Olbermann & Dietzel–Papakyriakou 1997; Sen, Schneiderheinze & Öcal 1999; Dietzel- Papakyriakou & Olbermann 1996).


96 Die Studie der Freien und Hansestadt Hamburg (1998: 53) kommt nur zu 50% Unterstützungsleistungen durch ältere Migranten an ihre Kinder.

 
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Familialer Austausch

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