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Aspekte zukünftiger familialer UnterstützungÜber die Bereitschaft künftiger Generationen, Verpflichtungen gegenüber ihren alten Eltern oder Angehörigen zu übernehmen, wird heute viel spekuliert. Es gibt einen paradoxen Widerspruch zwischen den Diskussionen um die Krise der Familie und der nachweisbaren Wirklichkeit der Beziehungen innerhalb der Familie und zwischen den Generationen (Backes 1992). Für politische Entscheidungen ist die Entwicklung der Wertvorstellungen und Lebenseinstellungen der Menschen von Bedeutung, hängt davon doch zum Beispiel mit ab, ob im Hinblick auf die zunehmende Zahl und sich ändernde Struktur Pflegebedürftiger eher der quantitative Umfang professioneller Pflege zunehmen muß - wie heute vielfach vermutet - oder ob sich die Angebote der professionellen Pflege eher in ihrer Qualität verändern sollten. Bislang kann nicht festgestellt werden, dass die Generationen nicht mehr gewillt sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Darüber hinaus kann davon ausgegangen werden, dass alte Menschen in Zukunft mehr Verantwortung für sich selbst tragen und dass sich die Erwartungen verändern, die künftige Seniorinnen und Senioren an die Kinder- und Enkelgeneration haben. Welche Formen der Unterstützung erwarten beispielsweise Angehörige, die heute die Pflege alter Familienmitglieder übernommen haben, im Falle eigener Hilfeabhängigkeit von ihren Kindern? Hierzu konnten folgende vorrangige Erwartungen ermittelt werden (Kuhlmey 1997): "Ich möchte nicht zur Last fallen", "Ich erwarte Hilfe im Notfall, aber diese Unterstützung darf das Leben meiner Kinder nicht verändern" und "Ich erwarte gefühlsmäßigen Beistand bzw. emotionale Unterstützung". Nicht erwartet wird, dass "die Kinder mich zuhause aufnehmen", dass sie "das Gleiche tun, wie ich es für meine Eltern tat" und "eine materielle Unterstützung". Eine solche Haltung bedeutet in der Konsequenz, nach anderen Formen der Unterstützung Ausschau zu halten. Aus Untersuchungen zur Verfügbarkeit und Leistungen im Netz weit- läufiger verwandtschaftlicher Beziehungen im Alter lässt sich erkennen, dass die Verwandten eine "stille Reserve" in den sozialen Netzen alter Menschen sind, d.h. sie kommen dann zum Tragen, wenn Mitglieder der Kernfamilie ausfallen. In welcher Art und Weise die weitere Verwandt- schaft zur Bewältigung sozialer Verluste und ihrer möglichen Folgen beiträgt, scheint bisher noch unklar und wird unterschiedlich diskutiert. Folgt man den Ergebnissen der Berliner Altersstudie, besitzen rund 96 Prozent der alten Menschen Seitenverwandte (Geschwister, Nichten und Neffen etc.). Lediglich die Hälfte dieser Beziehungen wird genutzt (51 %), wobei der Anteil der realisierten verwandtschaftlichen Beziehungen hinter denjenigen zu Mitgliedern der Kernfamilie zurückbleibt (Partner: 96,6 %; Kinder: 91 %; Geschwister: 60,4 %). Obgleich es Unterschiede in der Art der Verwirklichung der einzelnen Beziehungen gibt, finden sich Belege für eine leistungsspezifische Kompensation: Insbesondere Verwitwete sind überdurchschnittlich häufig sehr eng mit Verwandten verbunden, erhalten mehr Hilfe und sind häufiger mit ihnen zusammen. Verwandtschaft- liche Beziehungen werden hier für eine Vielzahl verschiedener Leistungen und Funktionen beansprucht bzw. aktiviert. Die längste gemeinsame Lebenszeit hat der Mensch in der Regel mit seinen Geschwistern. Dennoch zählen ältere Menschen in Deutschland nur selten Geschwister zu ihrem sozialen Netzwerk (vgl. Tabelle 6-8, S. 282). Für das Unterstützungs- potenzial im Alter haben sie gegenüber dem Partner und den Kindern zwar nur eine nachrangige Bedeutung. Im Falle von Kinderlosigkeit besitzen Geschwister allerdings einen deutlich höhere Stellenwert im privaten Netzwerk alter Menschen. Während je nach Unterstützungsbereich nur 7 bis 10 Prozent der Älteren mit Kindern Geschwister zu ihrem Unterstützungsnetz zählen, vertrauen kinderlose Ältere rund dreimal häufiger auf ihre Geschwister. Als emotionale Stütze und intellektuelle Hilfe kommen sie gleich nach dem Partner auf Rang 2 und als Quelle instrumenteller Hilfen rangieren sie nach dem Partner und den Nachbarn auf Rang 3 (vgl. Tabelle 6-10). Nennungshäufigkeit und Rangfolge der Personen, an die sich 70- bis 85- jährige Kinderlose bei Bedarf nach Unterstützung wenden - könnten -, 1996
Quelle: Alters-Survey 1996 (Künemund & Hollstein 2000: 255); in Privathaushalten lebende Befragte. Der Stellenwert der Geschwis- terbeziehungen könnte sich allgemein in spätestens zwei Jahrzehnten deutlich steigern, wenn die noch relativ geschwisterreichen geburtenstarken Jahr- gänge, die zugleich von wachsender Kinder- und Partnerlosigkeit betroffen sind, ins Rentenalter kommen. Wie Prognosen zeigen, wird spätestens ab dem Jahr 2020 die Zahl der Kinderlosen bei den über 65-Jährigen zunehmen. Bis zu 30 Prozent der ins Rentenalter kommenden Menschen werden dann ohne eigene Kinder sein und können familialen Austausch nur über Seitenverwandtschaft realisieren. Sollten die Modellrechnungen hinsichtlich der Zunahme von Single-Haushalten, Kleinfamilien und Kinderlosen zutreffen, könnte sich die Bedeutung des weiteren Verwandtschaftssystems dahingehend wandeln, dass es zum zentralen Ort von langfristigen, dauerhaften Beziehungserfahrungen wird. |
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