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Außerfamiliale, informelle Kontakte und Hilfen

Neben den nahen und entfernten Verwandten gehören Nachbarn, Freunde und Bekannte zum weiteren sozialen Netzwerk.
Aus repräsentativen Daten des Wohlfahrtssurveys geht hervor, dass Freundschaftsbeziehungen
und Hilfeleistungen durch Freunde in der Zeitspanne zwischen 1978 und 1988 deutlich
zugenommen haben. So berichteten 1978 und 1984 73 Prozent aller befragten Personen von
einem engen Freund außerhalb der Familie, 1988 bereits 81 Prozent (Diewald 1990). In der
Berliner Altersstudie, die in der ersten Hälfte der neunziger Jahre durchgeführt wurde, gaben
64 Prozent der über 70-Jährigen an, mindestens einen guten Freund oder eine gute Freundin
zu haben. Zu diesen besteht eine hohe Kontakthäufigkeit. Alte Menschen treffen nach Ergebnissen
dieser Studie Freunde im Mittel alle neun Tage (Wagner et al. 1996). Es zeigt sich
auch, dass durch den Ausbau von Kontakten im Freundeskreis verwandtschaftliche und nachbarschaftliche
Kontakte und Hilfen nicht weniger geworden sind; d.h. die Bandbreite des
Kontakt- und Hilfespektrums hat sich verändert (Diewald 1990).
Auch zu anderen Kreisen des privaten Umfeldes pflegen ältere Menschen soziale Kontakte.
So finden sich 40 Prozent der 55- bis 69-Jährigen und noch 32 Prozent der 70- bis 85-Jährigen
regelmäßig mit einem festen Kreis von Personen zu gemeinsamen Aktivitäten zusammen
(Kohli & Künemund 1999). In den neuen Bundesländern sind solche Treffen etwas seltener.
Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind gering. Es wird ein breites Spektrum gemeinsamer Tätigkeiten ausgeübt: Neben Stammtisch und Kaffeeklatsch – die häufigsten Nennungen – u.a. Wandern, Sauna, Gymnastik sowie Spiel und Sport in beinahe allen erdenklichen
Varianten, gemütliches Beisammensein oder ”Fachsimpeln”, Singen, Reiseerlebnisse
austauschen, Handarbeiten, Volkstanz, Literatur- und Musikkreise, Malen oder gemeinsame
Ausflüge mit dem Bus. Oft gehören die älteren Menschen mehreren solcher Kreise an. Die
Zusammentreffen finden überwiegend ein- bis vier Mal im Monat statt. Elf Prozent der 70-
bis 85-Jährigen treffen sich mindestens einmal in der Woche, weitere fünf Prozent sogar
mehrmals in der Woche.
Auch das Vereinsleben und die Mitwirkung in Organisationen spielt im Leben älterer Menschen
eine Rolle. 51 Prozent der 55- bis 69-Jährigen und 43 Prozent der 70- bis 85-Jährigen
sind Mitglied in mindestens einem Verein oder einer Organisation, Männer häufiger als Frauen.
In den neuen Bundesländern sind solche Mitgliedschaften deutlich seltener als in den alten,
die Differenz zwischen Frauen und Männern zeigt sich aber in gleicher Weise. Bei Betrachtung
der aktiven Beteiligung am Vereins- oder Verbandsleben relativiert sich die
Geschlechtsspezifik, insbesondere im höheren Alter: Männer sind zwar häufiger Mitglied, sie
gehen aber seltener als Frauen zu entsprechenden Zusammenkünften und Veranstaltungen.
Von den 70- bis 85-jährigen Mitgliedern in Vereinen oder anderen Organisationen nehmen
nur 39 Prozent der Männer, aber 65 Prozent der Frauen mindestens einmal pro Monat an solchen
Zusammenkünften teil (Kohli & Künemund 1999).
Außerfamiliale soziale Kontakte spielen auch im Leben älterer Migranten eine bedeutende
Rolle. Ihre Funktion konzentriert sich im Wesentlichen auf den Bereich der Geselligkeit. Die
außerfamilialen Kontakte werden aber im Alter fragiler und gehen zurück. Ein bedeutender
Faktor für Kontaktverluste ist die Rückkehr von Bezugspersonen in die Herkunftsländer (vgl.
Dietzel-Papakyriakou 1999).
Der Kontakt von älteren Migranten zu Deutschen wird unterschiedlich eingeschätzt. Zunächst
ist anzumerken, dass mit dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben, eine wichtige "interethnische
Begegnungsmöglichkeit“ entfällt. Dies führt nicht selten auch zu einer allmählich ve rringernden
Fähigkeit, sich in deutscher Sprache zu verständigen, was eine zusätzliche Barriere
für Kontakte mit Deutschen bedeutet. Als Selbsteinschätzung ihrer Sprachkenntnisse gaben
über 60 Prozent der älteren Migranten an, nur schlecht oder sehr schlecht Deutsch lesen zu
können, zwischen 37 Prozent (Olbermann & Dietzel–Papakyriakou 1995) und 49 Prozent
(Freie und Hansestadt Hamburg 1998) geben an, schlecht oder sehr schlecht Deutsch zu sprechen,
und zwischen 22 Prozent und 43 Prozent erklärten, Probleme beim Verstehen zu haben
(vgl. Dietzel-Papakyriakou & Olbermann 1998: 71; Freie und Hansestadt Hamburg 1998: 157
f.). Dies erschwert nicht nur die Aufnahme von Beziehungen mit der deutschen Bevölkerung,
sondern bedeutet auch Zugangsschwierigkeiten zum deutschen Altenhilfesystem. Immerhin
haben fast zwei Drittel der älteren Ausländer Kontakt zu Deutschen (vgl. Olbermann & Dietzel
–Papakyriakou 1995: 99), wobei zwischen den Nationalitäten größere Unterschiede bestehen.
So gaben in einer Hamburger Studie etwa 90 Prozent der Italiener und Portugiesen an,
deutsche Freunde oder Bekannte zu haben, aber nur die Hälfte der Türken und Iraner. Als
Gründe für das Fehlen von Kontakten zu Deutschen wurden zu über 70 Prozent Sprachschwierigkeiten
angegeben (Freie und Hansestadt Hamburg 1998: 156). Es ist zu erwarten,
dass die heute jngeren Ausländerinnen und Ausländer im Alter stärkeren Kontakt zur deutschen
Bevölkerung haben werden, da in den jüngeren Kohorten die interethnischen Beziehungen
wesentlich stärker ausgeprägt sind.
Jüngere Personen haben unabhängig von der Nationalität mehr Kontakte außerhalb der Familie
und der Verwandtschaft. Allerdings steigt mit zunehmendem Alter die qualitative Bedeu-
tung der Beziehungen — vor allem zu den Nachbarn. Den Befunden der Berliner Altersstudie
zufolge rechnen 29 Prozent der befragten alten Menschen mindestens einen Nachbarn zu ihrem
Netzwerk (Wagner, Schütze & Lang 1996). Die Ergebnisse des Alters-Survey belegen,
dass Nachbarn bei den instrumentellen Unterstützungen häufiger als Freunde genannt werden.
Nachbarn rangieren auf Platz 3 und vereinen auf sich 16 Prozent des instrumentellen Potenzials,
Freunde nur 10 Prozent (Künemund & Hollstein 2000: 252).
Bekannt ist, dass die Differenziertheit sozialer Netze maßgeblich seine Flexibilität im Falle
des Unterstützungsbedarfs bestimmt. Ein nicht zu enges Spektrum sozialer Kontakte und Unterstützungen
im außerfamilialen Bereich trägt zu einer Entlastung familialer Ressourcen bei.
Dies gilt beispielsweise für die rasche instrumentelle Hilfe von Nachbarn und den freundschaftlichen
Austausch im Kreis einer informellen Gruppe. Für die Zukunft lässt sich einerseits
erwarten, dass die nichtfamilialen Netzwerkbeziehungen weiter an Bedeutung gewinnen
werden. Andererseits bleibt auf der Basis heutiger Befunde sehr fraglich, ob für Menschen
mit ausgedünntem oder fehlendem familialem Netzwerk eine nichtverwandtschaftliche Vernetzung
vergleichbare soziale Ressourcen bereit hält bzw. in Zukunft wird bereit halten können.
Heutige Befunde sprechen eher dagegen. So geben zum Beispiel 45 Prozent der Teilnehmer
der Berliner Altersstudie (Personen ab dem 70. Lebensjahr) an, dass sie niemanden haben, mit
dem sie über persönliche Probleme reden könnten (Smith & Baltes 1996). Dies scheint keine
Frage der Netzwerkgröße zu sein, sondern ein Problem der Qualität von Beziehungen. Auch
ist darauf hinzuweisen, dass lediglich 10 Prozent aller Unterstützungsleistungen von nichtverwandten
Personen erbracht werden.
Die Befunde zur Unterstützungsbereitschaft und zu den privaten Pflegearrangements (siehe
Tabelle 6-9, S. 283) legen nahe, dass “weitreichende, langandauernde und zeitintensive Verpflichtungen“
- wie Pflegeaufgaben - wohl auch weiterhin hauptsächlich von nahen Verwandten
übernommen werden. Lediglich 30 Prozent der Erwachsenen würden entferntere
Verwandte oder Freunde pflegen, nur jeder siebte Nachbarn, und für unbekannte Personen
würde nur jeder zwanzigste die Pflege übernehmen (Diewald 1990).
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