Bürgerschaftliches Engagement 97


Download Altenbericht

Die zunehmende Aufmerksamkeit, die das Engagement älter Menschen momentan in der Fachöffentlichkeit erfährt 98, hat unterschiedliche Gründe. Noch immer stellt der Übergang vom Erwerbs- leben in den Ruhestand bzw. die Orientierung an dieser Altersgrenze die entscheidende Zäsur für die Zuschreibung von "Alter" wie auch die Selbst-Definition von älteren Menschen dar. Der anhaltende Trend zur Entberuflichung des Alters und die Verlängerung der Lebenserwartung trugen zu einer Ausweitung der Altersphase bei, die inzwischen etwa ein Drittel des Erwachsenenlebens ausfüllt. Damit sind auch die Erwartungen an diese Lebensphase gestiegen. Viele der jungen Alten suchen heute Rollen jenseits des Erwerbslebens, die sich deutlich von früher vorherrschenden passiven und verlust- orientierten Altersentwürfen absetzen, sowie neue Aufgaben, in denen ihre Erfahrungen und Kompetenzen gefragt sind.

Neben den gewonnenen Freiheiten erfahren die heutigen Ruhe- ständler aber auch den Zwang zur individuellen Gestaltung ihres Alters, da sie nicht auf allgemein gültige Vorbilder zurück- greifen können. Ein Gestaltungsbereich für das nachberufliche Leben ist das freiwillige Engagement im sozialen, kulturellen politischen und kirchlichen Bereich.

Charakteristisch für die Diskussion ist der uneinheitliche Gebrauch der Begriffe Ehrenamt, bürgerschaftliches Engagement, Selbsthilfe, Freiwilligenarbeit und die problemati- sche Abgrenzung zwischen den dahinter liegenden Konzepten. Dies spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Ehrenamtsforschung wider und führt zu sehr unterschiedlichen Angaben zum Anteil ehrenamtlich Tätiger in der Bevölkerung. Die aus- gewiesenen Quoten ehrenamtlich Engagierter reichen von 16 bis rund 40 Prozent.



6.3.1 Ausmaß und Struktur

Analysen von Daten des Sozioöko- nomischen Panels zeigen für alle Altersgruppen einen Anstieg des freiwilligen Engagements in der letzten Dekade und einen höheren Anteil ehrenamtlich Tätiger innerhalb der Erwerbsbevölkerung als innerhalb der Bevölkerung in der nachberuflichen Lebensphase. Der Alters-Survey ermittelte für 1996 in der Alters- gruppe der 40- bis 54-Jährigen einen Anteil von 22 Prozent ehrenamtlich Engagierter, in der Gruppe der 55- bis 69-Jährigen 13 Prozent und bei den 70- bis 85-Jährigen 7 Prozent. Eine Studie zu "Frei- willigenarbeit, ehrenamtliche Tätigkeit und bürgerschaftliches Engagement", die ebenfalls im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt wurde und etwa 15.000 Bundesbürger über 14 Jahre umfasste, bestätigt diesen Befund (auch wenn sie auf Grund eines anderen Konzeptes von Ehrenamtlichkeit zu weitaus höheren Anteilen von Engagierten als der Alters-Survey kommt). In dieser Studie liegt der Anteil der ehrenamtlich Engagierten in der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen und der Gruppe der 25- bis 59- Jährigen bei jeweils 37 Prozent. Bei den 60-Jährigen und älteren beträgt er 26 Prozent. Ein Rückgang des Engagements in den höheren Alters- gruppen zeigt sich auch bei den Anteilen der Hochaktiven, die mehr als 5 Stunden pro Woche für ehrenamtliche Tätigkeiten aufwenden: Dort geht der Anteil von 14 Prozent bei den 14- bis 24-Jährigen über 12 Prozent bei den 25- bis 59-Jährigen auf 9 Prozent bei den 60-Jährigen und Älteren zurück (vgl. Rosenbladt & Picot 1999).

In einer Befragung von Ruheständlern zu ihren täglichen bzw. häufigen Freizeitaktivitäten gaben im Jahre 1997 17 Prozent der Befragten an, ehrenamt- liche Aufgaben zu übernehmen. Im Vergleich zu einer Vorläuferuntersuchung im Jahre 1983 waren dies 6 Prozent mehr. Dennoch rangiert die Aktivität "ehrenamtliche Aufgaben übernehmen" damit nur auf Platz 32 einer Rangreihe täglicher bzw. häufiger Freizeitaktivitäten. Diese Rangreihe wird von folgenden Aktivitäten angeführt: Zeitung lesen, Fernsehen, ausgiebig Frühstücken, Radio hören, Spazierengehen und sich der Familie widmen. Jeweils mehr als zwei Drittel der Befragten geben diese Aktivitäten als täglich bzw. häufig realisierte Freizeitgestaltung an. Werden die Ruheständler gefragt, was sie gerne häufiger in ihrer Freizeit tun würden, dann stehen Wünsche wie Reisen (52 % der Befragten würden gerne mehr reisen) und Kultur ganz vorn. Doch geben immerhin 13 Prozent der Ruheständ- ler an, gerne häufiger ehrenamtliche Aufgaben übernehmen zu wollen (Opaschowski 1998a: 127 f.).

In den neuen Bundes- ländern ist ein ehrenamtliches Engagement in allen Altersgruppen deutlich seltener als in den alten Bundesländern. Männer sind in allen Altersgruppen — in den neuen wie auch in den alten Bundesländern — häufiger ehrenamtlich tätig als die Frauen, und diese Differenz nimmt über die Altersgruppen zu. Dieser Befund, der dem gängigen Bild zu wider- sprechen scheint, nach dem ehrenamtliche Tätigkeit im Alter primär Frauensache sei, hat zweierlei Gründe: Erstens beziehen sich solche Einschätzungen i.d.R. auf das soziale Ehrenamt, während sich bei Einbeziehung anderer Formen des ehrenamtlichen Engagements das Bild wandelt. Zweitens führt die Verschiebung der Geschlechterproportionen in den höheren Altersgruppen dazu, dass die Frauen zahlen- mäßig überwiegen können, auch wenn der Beteili- gungsgrad der Männer höher ist.

Viele Untersuchungen haben in- zwischen den starken Zusammenhang zwischen einem hohen formalen Bildungsabschluss und der Bereit- schaft zu ehrenamtlichem Engagement bestätigt. Der Prototyp des oder der ehrenamtlich Tätigen befindet sich im mittleren Lebensalter, besitzt eine gute Ausbildung und ist in gehobener Stellung beschäftigt. Von Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre betrachtet zeigt sich aber, dass ein über- durchschnittlicher Anstieg ehrenamtlicher Tätigkei- ten bei Personen ohne Schulabschluss stattgefunden hat und es zu einer Annäherung zwischen den Aktivitäten von Personen mit höheren und niedrigeren formalen Bildungsniveaus gekommen ist (Heinze & Olk 1999: 93). Es scheint dennoch weiter eine massive bildungsbedingte Trennung hinsichtlich der Selbst- einschätzung zu geben, für ehrenamtliches Engagement gebraucht zu werden. Eine 1999 durchgeführte Studie identifiziert zwei Gruppen, deren Selbstein- schätzung, einen sinnvollen Beitrag für das Gemeinwesen leisten zu können, weit auseinander liegen. Von den "jungen Alten" weiblichen Geschlechts mit mittlerer und höherer Bildung sind sich über 80 Prozent sicher, "für freiwilliges soziales Engagement gebraucht zu werden", während bei den 15- bis 29-jährigen Männern mit Hauptschulabschluss nur 27 Prozent den Eindruck äußern, "gebraucht zu werden", und fast 60 Prozent dieser Gruppe sich nicht sicher sind, ob ihr Engagement gebraucht wird (Ueltzhöffer 1999).

Der Gesundheitszustand erweist sich als weiterer Einflussfaktor für das ehrenamt- liches Engagement. Allerdings hat erst eine erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigung einen negativen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, ehrenamtlich tätig zu sein (Kohli & Künemund 1999).

Unerwartet niedrig ist die Beteiligung älterer Menschen an speziellen Partizipationsangeboten für Senioren. Diejenigen, die sich engagieren, tun dies im Wesentlichen im altersunspezifischen Bereich: bei den 55- bis 69-jährigen Engagierten liegt der Anteil der nicht in altenspezifischen Zusammenhängen Aktiven bei 91 Prozent und bei den 70- bis 85-Jährigen bei 68 Prozent. Im Kontrast zu der wissenschaftlichen und sozialpolitischen Aufmerksamkeit, die den Senioren- genossenschaften, Vorruhestands- und Senioren- Selbsthilfegruppen, politischen Interessenvertre- tungen Älterer oder dem Bereich der Bildung im Alter zuteil wird, ist das faktische Engagement Älterer in diesen Bereichen eher gering. Unter den alters- spezifischen Gruppen und Vereinen ist die Beteiligung im "traditionellen" Bereich am stärksten, also in den Seniorenfreizeitstätten oder z.B. in Seniorentanzgruppen. Die "neuen" Formen altersspezifischer Partizipation stoßen auf wesentlich geringeren Zuspruch. Beispielsweise bezeichnen sich nur 1,8 Prozent der über 59-Jährigen als Mitglieder einer Seniorengenossenschaft oder einer Senioren- Selbsthilfegruppe. An Seniorenakademien und Weiter- bildungsgruppen beteiligen sich nur 0,6 Prozent, und im Bereich der politischen Interessenvertretung Älterer, also in Seniorenbeiräten bzw. -vertretungen oder in der Seniorenarbeit von Parteien und Gewerkschaften beteiligen sich nur 1,4 Prozent. Fassen wir diese drei Kategorien zusammen, so liegt der Anteil bei 3,5 Prozent. Selbst wenn diesen Gruppen eine Symbolfunktion oder ein Modellcharakter zugesprochen werden kann, so handelt es sich dennoch empirisch weiterhin um ausgesprochene Randphänomene (Kohli & Künemund 1999).

Verglichen mit dem eminenten Interesse, das dem ehrenamtlichen und bürgerschaftlichen Engagement der älteren Deutschen seit einiger Zeit entgegen- gebracht wird, hat das Engagement älterer Migranten lange nur verhältnismäßig geringe Aufmerksamkeit erfahren. Inzwischen liegen aber eine Reihe von Arbeiten vor, die einen Einblick in die Funktion von Migrantenorganisationen, Ausländervereinen und religiösen Organisationen bieten 99.

Bei einer Repräsentativumfrage unter ausländischen Arbeitnehmern gaben 16 Prozent der Befragten an, Mitglied in einem deutschen Verein zu sein (Italiener 22 %, Griechen 17 %, ehemaliges Jugoslawien 15 %, Türken 14 %) und 24 % in einem Verein oder Club der eigenen Nationalität. Auslän- dische Frauen sind dabei viel seltener als auslän- dische Männer Mitglied in solchen Vereinen. Es existieren darüber hinaus große Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Über 24 Prozent der jüngeren Ausländer (unter 24 Jahre) sind Mitglied eines deutschen Vereins oder Clubs, während es bei den über 45-Jährigen nur 9 Prozent sind. Bei den Vereinen oder Clubs der eigenen Nationalität sind hingegen nur 17 Prozent der jüngeren aber 30 Prozent der älteren Ausländer Mitglied (vgl. Mehrländer, Ascheberger & Ueltzhöffer 1996: 330 f.).

Das breite Feld der Betätigungs- formen älterer Migranten reicht von Sportvereinen über religiöse, kulturelle, soziale bis zu politischen Organisationen. Eine strikte analytische Trennung von Migranten- und Ausländerorganisationen nach politischen, kulturellen, religiösen und sozialen Vereinigungen ist allerdings nicht sinn- voll, da diese in der Regel weniger monofunktional ausgerichtet sind als deutsche Vereine. Das Engagement findet hauptsächlich in ethnischen Eigenorganisationen statt, die älteren Migranten ein Umfeld bieten, das ihre Identität stützt, indem es ihre kulturspezifischen Kompetenzen und Merkmale anerkennt und positiv bewertet. Diese Formen der Partizipation kommen dem Bedürfnis nach Rückzug der älteren Migranten in ihr ethnisches Milieu entgegen, ermöglichen die Pflege von Geselligkeit und Kultur und gleichzeitig die kulturelle Selbstverge- wisserung. Ethnische Organisationen sind für sie mit geringem Such- und Informationsaufwand zu erreichen und bieten darüber hinaus einen Umschlagplatz für das für ältere Migranten relevante Wissen im Umgang mit deutschen Behörden und Institutionen. (Diehl, Urbahn & Esser 1998; Institut für Politikwissen- schaft der Universität Münster 1999; Zentrum für Türkeistudien 1999).


Politisches Engagement

Wie das in der Medien bericht- erstattung bisweilen auftauchende Schlagwort der "Altenmacht" verdeutlicht, wird die politische Beteiligung und das Engagement Älterer in diesem Bereich häufig als brisant wahrgenommen. Es werden Befürchtungen geäußert vor einer wachsenden und zu groß empfundenen Macht der Alten, die dieser die Durchsetzung partikularer Interessen ermöglichen. Andererseits wird konträr dazu Kritik geübt an der zahlenmäßigen Unterrepräsentation älterer Menschen in den Parlamenten und Entschei- dungsgremien von Parteien und Interessenorganisa- tionen.

Die Befürchtung, dass "die Älteren" zukünftig in der Lage sein könnten, alters- und generationsspezifische Interessen ohne viel Rücksicht gegenüber den jüngeren Generationen durchzusetzen, speist sich vor allem aus der Tatsache, dass die über 60-Jährigen heute schon etwa 30 Prozent der Wahlberechtigten stellen und dieser Anteil in 30 Jahren voraussichtlich merh als 40 Prozent betragen wird (Kohli, Neckel & Wolf 1999: 481).

Allerdings gibt es in Deutschland bislang keine einflussreiche politische Organisation, die ausschließlich gruppenspezifische Interessen von Älteren vertritt. Es existiert hingegen in den alten Bundesländern bis ins hohe Lebensalter eine starke Bindung von Mitgliedern an die Parteien und Gewerkschaften, die sie auch während ihres Erwerbslebens präferiert haben. (vgl. Kohli, Neckel & Wolf 1999).

Eine quantitative Unterrepräsenta- tion älterer Menschen in den deutschen Parlamenten lässt sich tatsächlich feststellen. Die parlamenta- rische Politik wird geprägt von den Angehörigen des mittleren Erwachsenalters, was sich auch in der Altersverteilung des Deutschen Bundestages in der aktuellen Legislaturperiode widerspiegelt. Neben der unterproportionalen Repräsentanz der Älteren im Bundestag fällt allerdings auf, dass auch die jüngeren Altersgruppen und besonders Frauen im Vergleich mit den Anteilen in der Gesamtbevölkerung deutlich unterrepräsentiert sind. Es muss jedoch betont werden, dass von äußeren Merkmalen der Abgeordneten (wie Geschlecht, Alter, soziale Schicht) nicht generell auf die Repräsentanz der politischen Interessen einzelner Bevölkerungsgruppen in parlamentarischen Gremien geschlossen werden kann.

Die Wahlbeteiligung der über 60-Jährigen und der über 70-Jährigen lag bislang in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte jeweils über der Wahlbeteiligung der unter 30-jährigen Wähler. Es lässt sich andererseits mit den Daten des Alters- Surveys zeigen, dass das aktive politische Engagement und das Interesse an Politik, in der Abfolge der Altersgruppen von 40 bis 85 Jahren deutlich zurück geht. Ob dies auch zukünftig so bleibt, kann bislang kaum abgeschätzt werden.

Ad-hoc-Erklärungen, die auf generelle Alterseffekte abheben, würden zu kurz greifen. Zunächst ist zu beachten, dass sich im Alter die Geschlechterproportion verschiebt.100 Bisherige Studien zum politischen Interesse haben gezeigt, dass Frauen weniger an Politik interessiert sind als Männer. Betrachtet man nur die Männer, so lässt sich bei ihnen kein – linearer – Rückgang des politischen Interesses mit zunehmendem Alter erkennen. Somit kann ein Teil der Zunahme der wenig politisch Interessierten wahrscheinlich auf die Verschiebungen der Geschlechterproportionen zurückgeführt werden. Ein zentraler Faktor für das niedrige politische Interesse älterer Frauen ist aber wiederum nicht das Alter, sondern der allgemein niedrige formale Bildungsgrad und der im Lebenslauf gegenüber den Männern und gegenüber späteren Kohorten erschwerte Zugang zu Bildung der heute im hohen Alter befindlichen Frauen. Der Rückgang des politischen Interesses im Alter scheint also überwiegend kein Alterseffekt zu sein und wird sich in Zukunft voraussichtlich verringern, unter anderem aufgrund des höheren Bildungsniveaus (insbesondere der Frauen).

In den 70er Jahren wurden kommunale Seniorenbeiräte als neues Feld der politischen Partizipation für ältere Menschen geschaffen. Sie besitzen bei kommunalen Entscheidungen Anhörungs- und Beratungs- rechte und finden in den Kommunen zunehmend Beachtung. 1996 waren in 735 kommunanlen Senioren- vertretungen etwa 8000 Personen ehrenamtlich engagiert (Mayer, K.-H. 1997). Inzwischen existieren etwa 1000 solcher Beiräte in Städten und Gemeinden, d.h. in ca. 7 Prozent der Kommunen. Nach wie vor stehen unterschiedliche Formen der Konstituierung der Seniorenbeiräte nebeneinander. So werden sie in einem Tel der Kommunen von der älteren Bevölkerung gewählt, in anderen durch eine Delegiertenversammlung lokal aktiver Vereine und Verbände gewählt oder durch Stadtverordnetenversammlung, Gemeindevertretung oder den Kreistag delegiert. Delegations- und Ernennungsprinzip haben immer wieder die Frage nach der Legitimation dieser Institutionen aufgeworfen.

Die Arbeit und Wirkung der Seniorenvertretungen variieren je nach der personalen Zusammensetzung vor Ort stark. Das Engagement des Gremiums bzw. einzelner Mitglieder und die Vertrautheit mit den Mitwirkungs- und Anhörungsrechten ist hier von entscheidender Bedeutung. Bislang dominieren in den Seniorenver- tretungen noch immer "Personen, die sich schon ‚von Hause aus‘ durch eine besondere Nähe zu den vor Ort bestehenden politischen Eliten bzw. den dort tätigen Organisationen und Verbänden auszeichnen: Es dominieren ehemals aktive Politiker und Verbandsfunktionäre oder ehemals hauptamtlich tätige Verwaltungsmitarbeiter" (Naegele 1999: 241). Seniorenbeiräte können aber auch "politische newcommer" an andere Formen der politischen Partizipation heranführen. Die Partizipation in Seniorenbeiräten initiiert dabei Lernprozesse, die weitgehende politische Kompetenzen hervorbringen (Reggentin & Dettbarn-Reggentin 2000).

Aufgrund der großen existierenden Unterschiede in der Bedeutung, der konkreten Arbeit und Durchsetzungsfähigkeit der Seniorenbeiräte fällt eine einheitliche Bewertung schwer. Sie haben sich Vielerorts zu unabhängigen Institutionen entwickelt, die sich in ihrer Aufgaben und Zielstellung von den traditionellen Akteuren der lokalen Altenhilfe "emanzipiert" haben und erfolgreich anwaltschaftliche Funktionen für die kommunalen Belange Älterer übernehmen. Sie sind damit weder Ausdruck einer zunehmenden illegitimen Altenmacht noch Feigenblatt für eine Verdrängung Älterer aus den Kerbereichen kommunalpolitischer Entscheidungsprozesse.

Wie in der deutschen Bevölkerung, finden sich auch bei den älteren Ausländern die politisch Interessierten und Aktiven tendenziell bei den besser Gebildeten sowie den stärker Assimilierten. Insgesamt ist das politische Interesse ausländischer Seniorinnen und Senioren jedoch relativ niedrig und weniger als 30 Prozent äußern ein starkes oder sehr starkes politische Interesse (Diehl, Urbahn & Esser 1998: 33 u. 37). Als Erklärung hierfür wird zum einen die bereits erwähnte enge Verbindung von politischem Interesse und Bildungsniveau angeführt, was bei dem durchschnittlich eher niedrigen schulischen und beruflichen Bildungsniveau der Ar- beitsmigranten die beobachteten Werte plausibel erscheinen lässt. Ein zweiter Grund für das niedrige Interesse dürften die mangelnden politischen Gestaltungsspielräume für ältere Migranten (z.T. fehlendes oder eingeschränktes aktives und passives Wahlrecht) im Zusammenspiel mit der lange vor- herrschenden starken Rückkehrorientierung der ersten Generation sein.

Engagement in kirchlichen Organisationen

Während in Westdeutschland heute etwa 80 Prozent der Bevölkerung entweder der evangelischen oder katholischen Kirche angehören, trifft dies für Ostdeutschland nur auf 30 Prozent zu. Wie bei der Kirchenmitgliedschaft zeigen sich auch bei der Partizipation in kirchlichen Gruppen große Unterschiede zwischen West- und Ostdeutsch- land. So sind in Westdeutschland 12 Prozent und in Ostdeutschland 3 Prozent der über 54-Jährigen in einem kirchlichen Verein organisiert (Schöb 1999: 9).

Die religiöse Betätigung und die Partizipation in kirchlichen Organisationen hat für viele immer noch eine sehr hohe Bedeutung. Umgekehrt stellt das ehrenamtliche Engagement älterer Menschen für Kirchengemeinden und die konfessionell orientierten Wohlfahrtsverbände eine große Ressource dar. Allein die beiden großen Wohlfahrtsverbände, das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutsche Caritasverband, schätzen die Zahl der bei ihnen ehrenamtlich engagierten Personen auf rund 400.000 (Diakonie) und 500.000 (Caritas), nicht mitgerechnet die in Kirchen- gemeinden tätigen ehrenamtlichen Helfer (Deutscher Bundestag 1998a).

Das Engagement in kirchlichen Kontexten weist gegenüber anderen Feldern des ehrenamtlichen Engagements einige Besonderheiten auf. Hier sind es überwiegend Frauen, die engagiert sind. Außerdem partizipieren in kirchlichen Vereinen überproportional ältere Menschen. Eine Studie der Caritas (1999) zeigt: "Knapp drei viertel der ehrenamtlich in Pfarrgemeinden Mitarbeitenden sind mindestens 50 Jahre alt. Jede dritte Frau und jeder fünfte Mann sind 65 Jahre oder älter". Nach Angaben der Caritas und der Diakonie ist das Ehrenamt in ihren Organisationen nicht rückläufig. Einige Arbeits- felder erwiesen sich als besonders attraktiv für ehrenamtlich Tätige. In Übereinstimmung mit den Befunden zum Motivationswandel im Ehrenamt sind dies vor allem Bereiche, in denen Ehrenamtliche innovativ und sozial gestaltend tätig sein können. Insbesondere Hospizinitiativen erhalten mehr Anfragen nach Mitarbeitsmöglichkeiten, als ehren- amtliche Helfer eingesetzt werden können. "Ein Rückgang der Zahl der Ehrenamtlichen ist eher bei den stationären Hilfen sowie in Feldern zu erkennen, in denen die altruistischen Beweggründe des ehrenamtlichen Engagements eine zu starke Betonung erfahren haben." (Deutscher Bundestag 1998a: 20).

Religion hat für viele ältere Migranten einen hohen Stellenwert. Herausragend ist ihre Bedeutung für die türkische Bevölkerung. Sie weisen den höchsten Anteil an Besuchern religiöser Veranstaltungen auf, während die Teilnahmehäufigkeit der anderen Migrantengruppen kaum von dem der deutschen Bevölkerung abweicht (vgl. Diehl, Urbahn & Esser 1998: 30 f.und Mehrländer, Ascheberger & Ueltzhöffer 1996: 333). Religiöse Beweggründe und die kirchliche Einbindung dürften auch bei einer spezifischen Frage eine wichtige Rolle spielen, die sich älteren Migranten beim Thema "Sterben" stellt: die Frage, in welchem Land man beerdigt werden möchte. 83 Prozent der in einer Hamburger Studie befragten älteren Ausländer gaben an, dass sie sich in ihrem Herkunftsland bestatten lassen wollen. Ältere Türken äußerten zu 95 Prozent diesen Wunsch, Italiener zu 77 Prozent, Portugiesen zu 60 Prozent und Polen zu 52 Prozent (Freie und Hansestadt Hamburg 1998: 245).

6.3.2 Motive bürgerschaftlichen Engagements

Eine mitverantwortliche Lebens- führung beinhaltet eine spezifische Wertorientierung und Bereitschaft, ein persönliches Anliegen, sich im Interesse anderer zu engagieren. Eine derartige Motivstruktur vorausgesetzt, können die für andere erbrachten Leistungen und Hilfen in hohem Maße zu persönlicher Sinnerfahrung und Zufriedenheit beitragen. Die Aktivitäten Älterer im Ehrenamt, bürgerschaftlichen Engagement und Selbsthilfe erhalten und trainieren individuelle Fähigkeiten und bieten die Möglichkeit zur Erfahrung von Kontinuität, Effektivität, Selbstwertgefühl und Wertschätzung durch andere. Engagierte aktive Ältere erschließen sich Beziehungen und Zugänge zu sozialen Netzwerken und erweitern damit ihre Handlungsspiel- räume. Engagement kann Belastungen mit sich bringen, stellt für die Aktiven aber häufig selbst eine "soziale Ressource" dar. Andererseits stellt das Engagement älterer Menschen heute bereits eine erhebliche Ressource für andere Menschen und die Gesellschaft dar.

Empirische Untersuchungen zeigen vielfältige Motive für ein ehrenamtliches Engagement bei älteren Menschen. Zunächst ist allgemein auch bei Nicht–Engagierten eine hohe Verantwortung für die Gestaltung des Gemeinwesens festzustellen. So geben ca. 61 Prozent der Deutschen an, dass für sie der Satz "ganz genau zutreffe": "Ob ich mich hier im Lande wohl fühle oder nicht, dafür bin ich auch selbst verantwortlich". Hinzu kommen noch 26 Prozent die angeben, dass dies für sie "eher zutreffe" (Ueltzhöffer 1999: 44). An der Spitze der Erwartungen an ein bürgerschaftliches Engagement — zu denen geäußert wurde ("Trifft ganz genau zu" ) — standen bei den über 60-Jährigen die Aussagen: "Anderen Menschen zu helfen" (62 %), "So akzeptiert zu werden, wie man ist" (58 %), "Das Gefühl zu bekommen, gebraucht zu werden" (56 %), "Spaß zusammen mit Gleichaltrigen zu haben" (52 %), "Jung und Alt wieder stärker zusammenzubringen" (45 %) und "Seine Fähigkeiten einzubringen" (42 %). In den jüngeren Altersgruppen spielen Selbstverwirklichungs- und Spaßmotive eine größere Rolle (Ueltzhö ffer 1999: 68).

Schon seit längerer Zeit wird die abnehmende Bindungsfähigkeit großer traditioneller Organisationen und die Verschiebung von "selbstlosen" hin zu "selbstbezogenen" Motiven für freiwilliges soziales Engagement diskutiert. Das alte Ehrenamt, das eher formell und hierarchisch in traditionellen Organisationen eingebunden und eng mit den dazuge- hörigen Sozialmilieus und ihrer Verpflichtungsethik und Wertvorstellungen wie Nächstenliebe oder Klassensolidarität verbunden ist, verliert an Bedeutung. Neue Formen der Partizipation und des Engagements, die nicht dauerhaft und ausschließlich an eine Organisation gebunden sind und mit hohen Erwartungen an den Inhalt, die Vielfalt und den Abwechslungsreichtum der Tätigkeit verbunden werden, gewinnen dagegen deutlich an Bedeutung.

Die Möglichkeit der Mitgestaltung und Selbstbestimmung spielen dabei eine große Rolle. Die treibenden Elemente dieses schon länger konstatierten "Motivationswandels" im Ehrenamt sind die jüngeren Kohorten; u.a. die in naher Zukunft in die Nacherwerbsphase eintretende Generation. Bei der Mehrheit der heute älteren Menschen dominieren im persönlichen Motivationsmix hingegen noch eher altruistische Motive. Dies schlägt sich auch in der Präferenz der Älteren für traditionelle Formen der Partizipation und des Engagements nieder.


6.3.3 Engagementfördernde Rahmenbedingungen

Freiwilliges Soziales Engagement ist sowohl individuell als auch gesellschaftlich sehr voraussetzungsvoll. Ehrenamtliche Tätigkeiten brauchen eine Infrastruktur und unterstützende Rahmenbedingungen, die konkrete unterstützende Organisationsleistungen anbieten, aber auch die gesellschaftliche Wertschätzung freiwilligen Engagements vermitteln (vgl. z.B. Braun,Claussen 1997, Institut für Soziale Infrastruktur 1999).

Das vom Bundes- ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend initiierte Modellprogramm "Seniorenbüro" verfolgte das Ziel, eine Infrastruktur der Engagementförderung im Alter aufzubauen. Im Jahre 1992 wurden an 43 Standorten in der Bundesrepublik Seniorenbüros eingerichtet, deren Zielsetzung (1.) in der Beratung älterer Menschen über Aktivitäts- möglichkeiten, die ihren Interessen und Fertigkeiten entsprechen, (2.) in der Vermittlung an Träger ehrenamtlichen Engagements, (3.) in der Hilfe beim Aufbau eigener Projektgruppen und Initiativen bestand. Aus der wissenschaftlichen Begleitung des Modellprogramms (Braun & Claussen 1997: 68) geht hervor, dass die Seniorenbüros – entsprechend ihrer Zielsetzung – in erster Linie von Menschen in der nachberuflichen und nachfamilialen Phase (71 %) genutzt werden, darüber hinaus aber auch von Fach- leuten der Altenarbeit und der Engagementförderung (20 %), von kommunalen Entscheidungsträgern, Journalisten sowie von Gruppen und Initiativen (7 %). In den Jahren 1994 und 1995 wurden für 33 Seniorenbüros 36.300 Nutzer mit 95.300 Kontakten ermittelt. Diese Zahlen belegen die hohe Bereitschaft vieler älterer Menschen, sich für andere zu engagieren, die durch entsprechende infrastrukturelle Angebote in einer für die Gesellschaft fruchtbaren Weise genutzt werden kann. Die im Kontext des Modellprogramms "Seniorenbüro" gewonnen Erfahrungen legen nahe, dass durch gezielte Qualifikationsangebote für ältere Menschen unter diesen die Bereitschaft, eine ehrenamtliche Tätigkeit auszuüben, erhöht werden könnte. Die Attraktivität nachberuflicher Tätigkeitsfelder bestimmt sich nicht durch die finanzielle Entlohnung, sondern durch die Gelegenheit, auf der Grundlage von individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten, Eigeninitiative und Selbstverantwortung eine als persönlich bedeutsam erlebte (gesellschaftliche) Aufgabe wahrzunehmen. Die Gründe für das zahlenmäßig immer noch geringe – wenn auch in den letzten Jahren deutlich gestiegene – ehrenamtliche Engagement älterer Menschen sind weniger in dem Gefühl, ausgenutzt zu werden, oder in einem verbreiteten Desinteresse zu sehen, als vielmehr (1.) in einem Informationsdefizit bezüglich der Möglichkeiten eines Engagements, (2.) in der Befürchtung, als ehrenamtlich Tätiger nicht ernst genommen zu werden, (3.) in der Befürchtung, die Anforderungen des Ehrenamtes nicht in vollem Umfang bewältigen zu können sowie (4.) in der Vermutung, als für die Ausübung eines Ehrenamtes zu alt angesehen zu werden. Die Kommission stellt fest, dass diese Barrieren eines ehrenamtlichen Engagements durch gezielte Qualifizierungsangebote, in denen auch das gesellschaftliche Interesse an einer Ausübung ehrenamtlicher Tätigkeiten durch ältere Menschen deutlich wird, zu einem erheblichen Teil überwunden werden können.


97 Die Ausführungen dieses Kapitels des Altenberichts stützen sich zu großen Teilen auf eine von der Altenberichtskommission in Auftrag gegebene Expertise von Martin Kohli und Harald Künemund (1999).

98 Das es sich beim Thema "Ehrenamt, Bürgerschaftliches Engagementunabhängig" allgemein um ein sehr aktuelles handelt, zeigt auch die Einsetzung der Enquete–Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements".

99 Vgl. u.a. Diehl, Urbahn & Esser (1998);Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2000); Ministerium für Arbeit, Soziale, Stadtentwicklung, Kultur und Sport(1999); Fijalkowski (1999); Bosl (1999).

100 Im Falle der Bundesrepublik liegt dies nicht nur an der höheren durchschnittlichen Lebenserwartung der Frauen, sondern zusätzlich am kriegsbedingten Verlust an Männern.

 
link Gerontologie

Vorwort

Kapitel

Ressourcen des Alters aus individueller und gesellschaftlicher Perspektive

Wechselwirkungen zwischen individueller und gesellschaftlicher Verantwortung

Chancen und Anforderungen des Alters

Kompetenzen älterer Menschen

Ressourcen für ein mitverantwortliches Leben: Das Engagement älterer Menschen in sozialen Beziehungen sowie für unsere Gesellschaft

Kapitel 2

Altersbilder

Kapitel 3

Gesundheit und Versorgungssystem als Ressource

Die gesundheitliche Qualität der gewonnenen Jahre – bisherige Entwicklung und Perspektiven der behinderungsfreien Lebenserwartung

Somatischer Gesundheitszustand

Psychischer Gesundheitszustand

Pflegebedürftigkeit — statistische Angaben

Gesundheits- und Pflegeversorgung

Therapie- und Versorgungsaspekte: Die Potenziale zur Behandlung älterer Patienten mit psychischen Störungen

Pflegerische Versorgung

Perspektiven der Finanzierung und Vergütung einer integrierten Versorgung

Kapitel 4

Arbeit und Arbeitswelt als Ressource

Erwerbsbeteiligung, Erwerbslosigkeit und Erwerbsformen Älterer

Ältere Arbeitnehmer aus betrieblicher Perspektive

Zur Veränderung betrieblicher Personalpolitik

Ressourcen, Einbußen und Kompensationsmöglichkeiten älterer Arbeitnehmer

Der Übergang in den Ruhestand

Kapitel 5

Ökonomische Ressourcen im Alter

Quellen und Determinanten der Einkommens- und Vermögenssituation im Alter

Zur Einkommenslage im Alter in den neunziger Jahren - Unterschiede und Entwicklungslinien

Heterogenität der Einkommenslage in Westdeutschland

Armut im Alter

Vermögensbestände

Entwicklungstendenzen der Einkommenslage I: Einige Ergebnisse der AVID ’96

Entwicklungstendenzen der Einkommenslage II: Ergebnisse der Simulationsstudien

Kapitel 6

Soziale Ressourcen

Austausch und Hilfe in sozialen Netzwerken

Bürgerschaftliches Engagement

Kapitel 7

Räumliche, infrastrukturelle und technische Umwelten als Ressource

Kapitel 8

Rechtliche Umwelt als Ressource

Kapitel 9

Literaturliste