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Soziale Ressourcen

Alte Menschen erhalten aus informellen und formellen Netzwerkbezügen emotionale und kognitive, instrumentelle und materielle Unterstützung sowie Anerkennung und Selbstwertgefühl. Ältere und alte Menschen sind aber auch aktive Netzwerkgestalter und Ressourcengeber. In Form von familialer und nachbarschaftlicher Hilfe, materieller und immaterieller Unterstützung sowie bürgerschaft- lichem Engagement bilden ältere Menschen Ressourcen, die den privaten Netzen aber auch der Gesellschaft zur Verfügung stehen.
Die zentrale soziale Ressource älterer Menschen ist ihr privates Netzwerk: Menschen, mit denen sie enge soziale Kontakte und Beziehungen pflegen, denen sie sich emotional verbunden fühlen, von denen sie sich bei Bedarf Rat, Hilfe, Trost und Anerkennung versprechen und denen sie gleiches geben bzw. zu geben bereit sind. Ergebnisse von Forschungen zeigen, dass dies in erster Linie die nächsten Angehörigen, vor allem der Partner oder die Partnerin, die Kinder und Schwiegerkinder (mit Enkeln – sofern vorhanden –) und – bei Jüngeren – Eltern und Schwiegereltern sind.80 Daneben sind im allgemeinen auch Freunde, Geschwister und Nachbarn bedeutsame soziale Ressourcen im Netz der privaten Beziehungen älterer Menschen.
Die familialen Beziehungen sind nicht nur bestimmt durch Solidarität und Sympathie, sondern auch durch Ambivalenzen (Lüscher & Pillemer 1996 u. 1998; Lang 2000), die auf Grund unterschiedlicher Werte, Normen und Interessen der interagierenden Generationen und unterschiedlicher, teils widersprüchlicher Anforderungen und Erwartungen an den Einzelnen im Alltag bestehen, als auch den gestiegenen Handlungsfreiheiten und Entscheidungs- zwängen einer individualisierten Gesellschaft. Der Begriff Ambivalenz wird verwendet, um erfahrene
Widersprüche als prinzipiell unauflösbar zu bezeichnen. In neuen familiensoziologischen
Diskussionen wird die Ambivalenz von Generationen- beziehungen als ein Potenzial gesehen.
Ambivalenzen verweisen auf die Offenheit von Entscheidungen und somit auf die Notwendigkeit
ständiger Gestaltung (Lüscher & Pajung-Bilger 1998: 31). Die Kennzeichnung von Generationenbeziehungen als ambivalent erlaubt normative Unvoreingenommen- heit und verdeutlicht, dass es nicht die eine "richtige" Form familialer Generationen- beziehungen gibt, sondern eine Reihe möglicher, sinnvoller Formen.
Der demographische und familiale Wandel hat dazu geführt, dass Eltern heute für durchschnittlich
mehr als ein halbes Jahrhundert gleichzeitig mit ihren Kindern leben (Lauterbach 1995a). Die gemeinsame Lebenszeit der Großeltern mit ihren Enkeln dauert im Durchschnitt mehr als 20 Jahre (Lauterbach 1995b; Lauterbach & Klein 1997). Es gibt Minoritäten von Großeltern, die selber noch Großeltern haben. Eine solche Bevölkerungsweise wird historisch erstmalig von Menschen erlebt. Die Bedeutung der vertikalen Verwandtschaftsstruktur als soziale Ressource hat zugenommen. Gleichzeitig findet ein Wandel der Familienstruktur statt,
der zu einer Pluralisierung von Lebensformen und –stilen führt.
Die aus diesen Entwicklungen gezogenen soziologischen Folgerungen für das Zusammenleben familialer aber auch gesellschaftlicher Generationen sind gegenwärtig keineswegs eindeutig. Es gibt keinen linearen Zusammenhang zwischen der Transformation demographischer Strukturen und sozialer Beziehungsformen. Demographisch gewachsene Chancen der gemeinsamen Lebenszeit können, müssen aber nicht sozial genutzt werden. Zeitliche Koexistenz
sagt zunächst nur wenig über Interaktion, Empathie, gegenseitige Hilfe und Unterstützung aus.
Die strukturellen demographischen und familialen Veränderungen sind per se weder mit einem Abbau oder Verlust von Netzwerkressourcen für das Alter gleichzusetzen, noch mit der Zunahme sozialer Bezüge zu identifizieren. Eher ist zu vermuten, dass aus den Strukturveränderungen
qualitative Verschiebungen im Ressourcenaustausch innerhalb familialer Netze stattfinden, neue Funktionsteilungen zwischen informellen und formellen Netzen nötig sind und Funktionsgewinnen Ressourcenverluste gegenüberstehen. So gesehen könnten sowohl neue Risiken für bestimmte soziale Gruppen älterer und alter Menschen aus den gewandelten sozialen Bezügen entstehen, als auch neue Chancen für das familiale und gesellschaftliche
Miteinander prognostiziert werden. Für die Risikoabsicherung werden professionelle Ressourcen
voraussichtlich in anderer Art als bislang und für andere Gruppen alter Menschen kompensatorisch wirksam werden müssen.
Kapitel 6 befasst sich mit der Gegenwart und dem Wandel informeller und formeller Systeme des sozialen Austauschs. Es widmet sich der Betrachtung gegenwärtiger und voraussehbarer Entwicklungen und ihrer Konsequenzen für politische Einflussnahme und Gestaltung. Diese Betrachtung beinhaltet insbesondere Fragen zur Leistungsfähigkeit und Leistungsgrenze familialer Netzwerke, umfasst die Entwicklung außerfamilialer Beziehungsgefüge als sozialer Ressource ebenso wie die Ausdifferenzier- ung formeller Hilfe- und Unterstützungsangebote
als flankierende und eigenständige Netzwerk- ressourcen. Die Bedeutung der Selbsthilfe alter
Menschen und ihr eigenes Potenzial an formellem und informellem Engagement wendet den Blick von der Bedeutung sozialer Ressourcen für den alten Menschen hin zu dem Aspekt, dass alte Menschen selbst eine wichtige soziale Kraft im familialen und gesellschaftlichen Generationengefüge sind. Erst bei Betrachtung der Nutzer- und Geberperspektive werden kohortenspezifische
Veränderungen des Handelns alter Menschen ausreichend sichtbar. Diese sich ändernden Handlungsmuster lassen Rückschlüsse auf das gegenwärtige und zukünftige Passungsgefüge zwischen der Ressourcenentwicklung in den sozialen Netzen und den Bedürfnisentwicklungen ihrer Mitglieder zu. Nur in diesem Kontext können angemessene Zukunftsszenarien entwickelt werden.
In die Betrachtungen werden sowohl geschlechtsspezifische Fragen einbezogen als auch die unterschiedlichen Perspektiven der alten und neuen Bundesländer und Spezifika der sozialen
Ressourcen von Migranten. Deren soziale Netze werden in der öffentlichen Diskussion häufig
entweder als idyllisches Gegenbild zu den vermeintlich zerfallenden deutschen Familien beschrieben oder einseitig problematisiert als zerrissen und entfremdet.
80 Vgl. hierzu aus der Vielzahl der Literatur exemplarisch die Literaturübersicht von Kruse & Wahl (1999),
Ergebnisse des Alters-Surveys (Kohli & Künemund 1999; Kohli et al. 1998; Künemund & Hollstein 2000), der
Berliner Altersstudie (Wagner, Schütze & Lang 1996; Lang & Schütze 1998), des DJI-Familien-Surveys (Bien
1994; Dannenbeck 1995; Bertram 1996) und des SIMA-Projekts (Töpfer, Stosberg & Oswald 1998).
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