Erwerbsformen und -biografien


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Die hohe Arbeitslosigkeit zeigt, dass eine stabile Phase der Erwerbstätigkeit im Erwachsenenalter keinesfalls mehr sicher ist: Arbeitslosigkeit ist zu einem allgemeinen Risiko geworden, das zu einer Fragmentierung der Erwerbsbiografie (mit entsprechenden Konsequenzen für die Alterssicherung) führen kann. Damit wird das zu Beginn skizzierte Modell von Ausbildungs-, Erwerbs- und Ruhestandsphase fraglich. In den letzten Jahrzehnten hat sich zudem in den europäischen Industrieländern die Dauer der drei Phasen erheblich verändert (OECD 1999, S 134f). Längere Ausbildungszeiten und ein frühen Berufsaustritt haben zu einer deutlichen Verkürzung der Erwerbsphase beigetragen.

Aber auch innerhalb der Arbeitsverhältnisse vollzieht sich ein Wandel. Dies zeigt sich in der zunehmenden Differenziertheit der Arbeitszeiten und der Vertragsverhältnisse bzw. an der Zunahme von "Nicht-Normalarbeitsverhältnissen". Definiert man "Normalarbeitsverhältnis" als unbefristete Vollzeitbeschäftigung, so umfassen "Nicht- Normalarbeitsverhältnisse" (oder "atypische" Beschäftigungsverhältnisse) sehr unterschiedliche Formen wie etwa Teilzeitarbeit, befristete Tätigkeiten, ABM-Tätigkeiten, geringfügige (sozialversicherungsfreie) Beschäftigung, Leiharbeit sowie Schein-Selbstständigkeit. Der Anteil abhängig Beschäftigter in Normalarbeitsverhältnissen an allen Erwerbstätigen hat sich zwischen 1985 und 1998 nach den Ergebnissen des Mikrozensus von 67,7 Prozent auf 62,6 Prozent verringert (Oschmiansky & Schmid 2000).31 Zugenommen haben hauptsächlich die Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten, aber auch etwas die befristeten Arbeitsverhältnisse und die Leiharbeit.

Die Zahl der Teilzeit-Beschäftigten nimmt seit langem zu. Zwischen 1982 und 1993 erhöhte sich ihre Zahl um fast 1,3 Millionen (Garhammer 1994). Im April 1998 waren nach den Ergebnissen des Mikrozensus rund 5,9 Mio. der 31,9 Mio. abhängig Erwerbstätigen teilzeitbeschäftigt (Statistisches Bundesamt 1999). Von der Ausweitung der Teilzeitbeschäftigung sind insbesondere Frauen betroffen: Die Zunahme der Erwerbstätigenquote der Frauen in den alten Bundesländern geht vor allem auf die Zunahme von Teilzeitarbeitsplätzen zurück.

Ein Teil dieser Zunahme geht auf das Konto der "geringfügigen" Beschäftigungen. Es gibt Schätzungen, wonach deren Zahl allein zwischen 1987 und 1992 um etwa eine Million zugenommen hat (Müller 1995). In den ersten acht Monaten nach Einführung der Sozialversicherungspflicht für diese Beschäftigungsform zum 1.4.1999 registrierten die Sozialversicherungsträger rund 4,6 Mio. Anmeldungen und 1,1 Mio. Abmeldungen, so dass Ende November 1999 rund 3,5 Mio. Menschen registriert wurden, die ausschließlich geringfügig – mit einem sozialversicherungspflichtigen Einkommen unter 630 DM pro Monat – beschäftigt waren (Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung 2000).

Auch die Zahl der in befristeten Beschäftigungsverhältnissen Arbeitenden nimmt zu. Im April 1998 hatten rund 2,5 Mio. bzw. 8,4 Prozent der 30,4 Mio. abhängig Beschäftigten, die sich in keiner Ausbildung befinden, nur einen befristeten Arbeitsvertrag (Statistisches Bundesamt 1999).

Mit der Veränderung von Arbeitszeiten und -verhältnissen verändern sich auch Arbeitsbiografien. Während einerseits die Frage debattiert wird, ob mit der Ausweitung von Teilzeitbeschäftigung ein probates Mittel gegen die strukturelle Arbeitslosigkeit zur Verfügung steht (Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, 1998; Senatsverwaltung für Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen, o.J.), so wird andererseits als eine Voraussetzung für die Realisierbarkeit von Alterserwerbstätigkeit die Notwendigkeit betont, arbeitsorganisatorische und arbeitszeitliche Strukturen zu schaffen und das individuelle Volumen der Lebensarbeitszeit systematisch zu destandardisieren (durch Entdichtung, Streckung, Flexibilisierung), und zwar auch mit dem Ziel, die Synchronisation von arbeits- und lebensweltlichen Anforderungen in verschiedenen Lebensabschnitten zu ermöglichen (Barkholdt 1998a u. 1998b).


31 1985: früheres Bundesgebiet und Berlin-West; 1998: Deutschland. Arbeiter und Angestellte in unbefristeten Vollzeit-Arbeitsverhältnissen sowie andere Formen der abhängigen Vollzeitbeschäftigung (Beamte, Soldaten, Richter).

 
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