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Fazit

Die ambulante Pflege hat in den vergangenen
Jahren an Bedeutung gewonnen. Geht es heute um die Versorgung zu
Hause lebender und in ihren Selbstversorgungsressourcen und
–potenzialen eingeschränkte alte Menschen, nimmt sie
eine wichtige Schlüsselrolle ein. In Widerspruch hierzu stehen
die in den zurückliegenden Ausführungen aufgezeigten
Schwächen und nach wie vor existierenden Modernisierungs- und
Reformherausforderungen in diesem Sektor. Sie sind Resultat der
geringen Aufmerksamkeit, die der Pflege im Allgemeinen und der
ambulanten Pflege im Besonderen lange Zeit zuteil wurde. Nach wie
vor wird der Pflege hier zu Lande eine tendenziell nachrangige
Position im Gesundheitswesen zugewiesen: Sie wird zumeist erst dann
hinzugezogen, wenn zuvor alle Möglichkeiten der
Prävention, Kuration und Rehabilitation ausgeschöpft
sind, womit ihre Potenziale und Querschnittsfunktionen weitgehend
ungenutzt bleiben. Als "caring profession" ist die Pflege eine in
Deutschland noch kaum hinlänglich berücksichtigte
Ressource. Dies zeigt sich insbesondere, wenn es um eine
altersgerechte häusliche Versorgung geht, die zur
Aufrechterhaltung sozialer Integration und Lebensqualität
beizutragen beansprucht.
Obwohl mit dem Pflegeversicherungsgesetz
beabsichtigt wurde, hier Veränderungen herbeizuführen und
einen Innovationsschub anzustoßen, kann heute – ein
halbes Jahrzehnt nach Einführung dieses neuen
Leistungsgesetzes – konstatiert werden, dass
erwartungsgemäß nur ein Teil der Probleme gelöst
werden konnte. So hat sich die Lage dauerhaft
pflegebedürftiger alter Menschen zwar insgesamt entspannt,
aber viele Leitbilder der Reform harren noch der Umsetzung in der
Praxis. Die Frage, ob die ambulante Pflege ihre Praxis weiterhin
verändern muss, ist somit längst beantwortet. Zu
klären ist derzeit vielmehr, wie sie sie künftig
verändern wird, um den auch künftig wachsenden
Herausforderungen in diesem Versorgungsbereich gerecht werden zu
können (WHO 1995: 7). Die wichtigsten
Anpassungsherausforderungen seien abschließend noch einmal
benannt:
- Es ist erforderlich, den Paradigmenwechsel von der Krankheits-
zur Gesundheitsorientierung in der ambulanten Pflege
nachzuvollziehen und zu realisieren. Ganz in diesem Sinn ist
künftig der Vorrang von präventiven und
gesundheitsförderlichen Pflege- und Versorgungskonzepten vor
solchen, die ausschließlich betreuenden und verwahrenden
Charakter haben, nicht nur zum Programm zu erheben, sondern auch
mit Leben zu erfüllen. Anreizstrukturen und Rahmenbedingungen
sind so zu gestalten, dass sie diesen Paradigmenwechsel
unterstützen und ihm nicht – wie bislang zu beobachten
– eher zuwiderlaufen. Zugleich ist es notwendig, vorhandene
gesundheitliche und soziale Potenziale älterer Menschen im
Versorgungsalltag stärker in den Blick zu nehmen und in die
Planung und Gestaltung pflegerischer Leistungen einzubeziehen, um
dem Fortschreiten gesundheitlicher oder sozialer
Beeinträchtigungen entgegenzuwirken,
Abhängigkeitstendenzen zu vermeiden und – falls
möglich – auf diese Weise auch zu einer Verbesserung des
Gesundheitszustands älterer Menschen beizutragen.
- Unabdingbar ist außerdem eine Erweiterung der eng
gesteckten Grenzen pflegerischen Handelns. Die Realisierung einer
angemessenen Pflege älterer Menschen, verlangt – wie die
zurückliegenden Ausführungen angedeutet haben –
mehr als herkömmliche "handwerkliche Pflege" und
körperbezogene Maßnahmen. Sie umfasst außerdem
kommunikative und edukative Aufgaben (wie Unterstützung,
Anleitung, Schulung und Beratung des Pflegebedürftigen und
seiner Angehörigen), ebenso präventive und rehabilitative
Maßnahmen und auch solche, wie sie mit dem englischen Begriff
"care" angesprochen sind (Morse et al. 1990). Dabei steht weniger
die protektive und sorgende Funktion der Pflege im Vordergrund, als
vielmehr ihre Bedeutung für die Versorgungsgestaltung und die
Sicherung von Versorgungsintegration und –kontinuität.
Die Umsetzung dessen setzt allerdings voraus, Aufgabenspektrum und
-zuschnitt der Pflege zu überdenken, ja zu erweitern und
bedingt auf struktureller Ebene, die notwendigen Spielräume
und Bedingungen für eine entsprechende Ausdehnung der
Kompetenzgrenzen herzustellen.
- Nicht minder wichtig sind Maßnahmen zur Verbesserung der
Qualifikationssituation. Parallel zum Bedeutungsgewinn der
ambulanten Pflege sind die an sie gestellten Anforderungen
kontinuierlich gestiegen und haben sich zugleich gewandelt.
Ambulante Pflege erfordert heute ein hohes Maß an
spezialisierten pflegerischen Kompetenzen, für die andernorts
auf hohem akademischem Niveau ausgebildet wird. Mit dieser
Entwicklung haben die Qualifikationsprofile in den Pflegeberufen
hier zu Lande nicht Schritt gehalten. So findet die ambulante
Pflege in den bestehenden Ausbildungen – sei es auf
beruflicher wie auf akademischer Ebene – nicht die ihr
gebührende Aufmerksamkeit – eine Kritik, die auch
für die gegenwärtigen Reformbemühungen der
Pflegeausbildung gilt. Auch dem Modernisierungsrückstand,
Aufgabenwandel und Bedarf an klinischen (d.h. gerontologischen,
intensivpflegerischen, psychiatrischen, palliativen etc.)
Spezialkompetenzen wird auf qualifikatorischer Ebene nicht
hinreichend Rechnung getragen. Ohne hier eine Korrektur
einzuleiten, kann eine qualitativ hochwertige ambulante
pflegerische Versorgung auch zukünftig nicht gelingen.
- Erforderlich ist darüber hinaus eine Modernisierung des
Leistungsprofils und eine qualitative Ausdifferenzierung des
Leistungsangebots ambulanter Pflegedienste. Nach wie vor ist das
Angebot der ambulanten Pflege zu eng und wenig problemadäquat
konturiert, weshalb die häusliche Versorgung vieler
Patientengruppen nach wie vor auf Grenzen stößt.
Über eine Ausweitung des Leistungsangebots sind darüber
hinaus Modellversuche notwendig, um die im Gefolge der
Umstrukturierungen des Gesundheitswesens in der ambulanten Pflege
entstehenden neuen Aufgabenstellungen in klare Arbeitskonzepte
umzusetzen.
- Auch die Realisierung von Versorgungsintegration und
-kontinuität sowie die Verbesserung der Kooperation bedarf
weiterer Aufmerksamkeit. Stabile Kooperationsstrukturen und
Bemühungen um ein Ineinandergreifen der Leistungen
unterschiedlicher Organisationen und Professionen sind zentrale
Voraussetzungen. Sie stoßen in der Praxis indes auf Probleme,
insbesondere auf professionelle Hürden. Vor allem die
professionsübergreifende Kooperation bedarf in Zukunft
weiterer Verbesserungen. Ähnliches gilt für die Versuche
zur organisatorischen Vernetzung und zur Schaffung integrierter
Versorgungsverbünde innerhalb des ambulanten Sektors, zwischen
dem ambulanten und stationären Sektor sowie zwischen der
Regel- und Spezialversorgung. Bislang spielt die ambulante Pflege
in diesem Zusammenhang noch keine ihrer Bedeutung angemessene
Rolle.
- Des Weiteren ist eine Anpassung der Sozialversicherungs-
systeme an die gewandelten Anforderungen im ambulanten Bereich
notwendig. Zersplitterung und Fragmentierung zu überwinden und
eine aufeinander abgestimmte Finanzierung unterschiedlicher
pflegerischer Leistungen "aus einer Hand" zu realisieren, isteine
der Zukunft vorbehaltene sozialund gesundheitspolitische
Herausforderung. Darüber hinaus ist zu prüfen, ob die im
Zuge der Kostendämpfungspolitik mit dem SGB XI
eingeführte Grundsicherung aktuellen wie künftigen
gesellschaftlichen Problemlagen hinreichend gewachsen ist. Es gibt
schon jetzt Anzeichen dafür, dass mit der Abkehr von dem
Prinzip der Bedarfsdeckung Zugangsbarrieren und Unterversorgungen
entstehen können, von denen das deutsche Sozial- und
Gesundheitswesen bislang verschont geblieben ist.
- Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass die Umsetzung
der zuvor aufgestellten Forderungen auch eine Entspannung der
Arbeitssituation der ambulanten Pflege erfordert. Bereits vor
Einführung der Pflegeversicherung gehörte die ambulante
Pflege nicht unbedingt zu den beliebtesten Arbeitsfeldern in der
Pflege. Geringe Bezahlung, hoher Verantwortungsdruck, schlechte
Arbeitsbedingungen und hohe Arbeitsbelastung führten zu einer
beachtlichen Mitarbeiterfluktuation. Diese Ausgangslage wurde durch
die Einführung der Pflegeversicherung und ihre als restriktiv
empfundenen Finanzierungsgrundlagen offenkundig verschärft, da
sich in Folge dessen eine Verdichtung der Arbeit, vollzogen hat,
zusätzliche Aufgaben (Dokumentation etc.) zu bewältigen
sind und zugleich weniger Zeit für die direkte
Patientenbetreuung und so auch die Pflege älterer Menschen zur
Verfügung steht. Zu enge finanzielle Spielräume, daraus
resultierend Personal- und Zeitknappheit führen dazu, dass
ökonomische Erwägungen den Vorrang vor professionellen
Qualitätserwägungen haben. Diesen Fehlentwicklungen gilt
es künftig verstärkt Aufmerksamkeit zu widmen und –
wo möglich – aktiv entgegenzuwirken.
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