Aspekte der psychosozialen Intervention

Download Altenbericht

Die psychosoziale Intervention zielt vor allem auf die Erhaltung und Förderung alltagspraktischer, kognitiver und sozialer Fertigkeiten sowie auf die Unterstützung des psychisch und/oder körperlich erkrankten Menschen bei der psychischen Bewältigung der Erkrankung. Im einleitenden Kapitel dieses Berichts hat die Kommission ihr Verständnis von Kompetenz dargelegt – zum einen differenzierte sie dort zwischen der physischen, der psychischen und der kognitiven Kompetenz, zum anderen hob sie die Wechselwirkungen zwischen Person und Umwelt bei der Entwicklung, Aufrechterhaltung und Wiedererlangung von Fähigkeiten und Fertigkeiten zu einem selbstständigen, selbstverantwortlichen und persönlich sinnerfüllten Leben hervor. Dieses Verständnis von Kompetenz leitet die verschiedenen Ansätze der psychosozialen Intervention. Zu diesen sind unter anderem zu rechnen: Realitäts-Orientierungs-Training, Erinnerungstherapie (Lebensrückblick), kreative Therapien (Musik-, Kunst-, Tanztherapie), Ergotherapie, aber auch verschiedene Formen basaler Stimulation (wie zum Beispiel Orientierungshilfen, systematisch dargebotene Anregungen, Training von Funktionen und Fertigkeiten). Der praktische Erfolg dieser Ansätze ist auch davon beeinflusst, inwieweit sich die Mitarbeiter in ihrem Verhalten gegenüber psychisch erkrankten Patienten von Prinzipien wie Geduld, Eindeutigkeit, Aufrechterhaltung des Dialogs leiten lassen.

Bei leichten Demenzen kann das kognitive Training zur zeitweiligen Verbesserung von Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsleistungen des Patienten beitragen (vgl. Oswald & Ruprecht 1998; Oswald & Rödel 1995). Dabei sind auch positive Einflüsse dieses Trainings auf die subjektiv erlebte Kompetenz zu berücksichtigen, woraus sich auch positive Effekte auf die psychische Befindlichkeit ergeben. Bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz führen neuropsychologische Trainingsmethoden – wie zum Beispiel das visuelle Assoziationslernen – nur zu kurzfristig andauernden Effekten. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass Patienten, die ein solches Training erhalten, nach dessen Abschluss nicht selten bessere kognitive Leistungen zeigen als jene Patienten, die die Möglichkeit zu diesem Training nicht erhalten haben. In einer Untersuchung von Ermini-Fünfschilling & Meier (1995) zu den Wirkungen von Gedächtnistraining als Bestandteil einer Milieutherapie bei Alzheimer Demenz fanden sich zwar keine positiven Effekte auf die Leistungen der Interventionsgruppe, für die Kontrollgruppe zeigten sich aber bedeutsame Leistungsrückgänge. An diesem Beispiel wird deutlich, dass sich der Rehabilitationserfolg nicht nur in absoluten Verbesserungen, sondern auch in der Erhaltung von Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie in der Verzögerung von Verschlechterungen ausdrücken kann. In Bezug auf den Kommunikationsstil gegenüber Patienten mit dementiellen Erkrankungen ist vor allem deren begrenzte Aufnahmefähigkeit zu berücksichtigen. Deutliche Artikulation, gut verstehbare Lautstärke, an den Prozess der Informationsverarbeitung angepasste Sprechgeschwindigkeit und ein abwechslungsreicher, die Aufmerksamkeit gezielt lenkender Sprachrhythmus, einfache und klar strukturierte Sätze sowie die gezielte Darbietung redundanter Information können die Übermittlung relevanter Information erheblich erleichtern. Entscheidend ist zudem eine positive Rückmeldung mit dem Verstärken richtiger Äußerungen. Bestimmte belastende und wiederkehrende Verhaltensweisen dementiell erkrankter Menschen, wie diese bereits unter den nicht-kognitiven Störungen beschrieben wurden, erfordern spezifische Maßnahmen und sollten Anlass sein, nach eventuell zu Grunde liegenden Faktoren zu suchen. Aggressiv reagieren die Patienten häufig dann, wenn ihr Intimbereich verletzt wird oder wenn sie sich bedroht fühlen.

Verhaltensorientierte Interventionsarbeiten haben gezeigt, dass auch bei dementiell erkrankten Älteren durch geeignete Verhaltenstrainingsprogramme noch eine gewisse Plastizität hinsichtlich der Veränderbarkeit von Alltagskompetenz und von so genannten Problemverhaltensweisen (wie Schreien, aggressives Verhalten) besteht und genutzt werden kann (z.B. Burgio et al. 1994; Cohen-Mansfield & Werner 1997). Ferner besteht in Experten- und Praxiskreisen einhellig die Meinung, dass gerade im Falle des weitgehenden Verlusts der geistigen Leistungsfähigkeit, wie im Fall der Demenz, der Gestaltung der räumlich-organisatorischen Umwelt eine Schlüsselrolle zukommt. Die Umsetzung einer wohlüberlegten Umweltanpassung (z.B. Orientierungshilfen, farbliche Kodierungen. Endloswanderpfade) ist in Forschungsarbeiten wie in Praxislösungen vor allem in den USA in den 90er Jahren sehr vorangetrieben worden (z.B. Weisman 1997). Auch in Deutschland fehlt es nicht an überzeugenden Vorschlägen, die allerdings in Teilen noch ihrer Umsetzung harren (vgl. auch die Bemühungen um ein in Stuttgart angesiedeltes Alzheimer-Zentrum; vgl. Heeg 2000). Beachtung verdienen schließlich auch "unorthodoxe", hier zu Lande noch wenig genutzte Verfahren, wie z.B. die Schaffung von besonders gestalteten Räumen mit einer Vielzahl von sensorischen Anregungen ("Snoezel-Räume") sowie humor-orientierte Interventionen und tiergestützte Interventionen, bei denen durch den Kontakt mit Hunden und/oder Katzen positive Effekte ausgelöst werden können.

 
link Gerontologie

Aspekte der Pharmakotherapie

Aspekte der Psychotherapie

Aspekte der psychosozialen Intervention

Diskrepanz zwischen den Potenzialen zur Behandlung psychisch erkrankter älterer Menschen und der tatsächlich bestehenden Versorgungssituation – Notwendigkeit der gezielten Verbesserung der Versorgungssituation