Der Übergang in den Ruhestand


Download Altenbericht

Der Austritt aus dem Arbeitsleben und der Übergang in den "Ruhestand" verändert die soziale Position der betroffenen Person: Während sie zuvor für die Sicherung auf den Lebensunterhalt direkt oder indirekt auf Erwerbsarbeit (oder substituierende Zahlungen aus der Arbeitslosenversicherung) angewiesen ist, sind es nun die Rentenkassen, die durch regelmäßige Zahlungen den Lebensunterhalt der Person sichern. Altersgrenzen dienen dabei – im Sinne einer Institutionalisierung des Lebenslaufs (Kohli 1985 u. 1988) – als Legitimation für die Entpflichtung aus der Einbindung in die Arbeitswelt und für den Beginn eines "verdienten Ruhestandes". Geschichtlich ist das Rentenalter zur faktischen Grenze der Beteiligung am Erwerbssystem geworden: Ein zunehmender Teil der nachwachsenden Geburtskohorten erreicht das Rentenalter, und ein zunehmender Teil derjenigen, die das Rentenalter erreichen, geht in den Ruhestand. Altersgrenzen bedeuten aber auch, dass Unternehmen anhand eines eindeutig definierten Kriteriums die "Restarbeitszeit" von Arbeitnehmern einschätzen und Nachwuchskräfte rekrutieren können.

Allerdings haben starre Altersgrenzen den Nachteil, dass weder den individuellen Bedürfnissen von Arbeitnehmern, noch betrieblichen Anforderungen oder der wirtschaftlichen Gesamtsituation Rechnung getragen wird. Zusätzlich zum Alter von Arbeitnehmern sind daher die Erwerbsfähigkeit der betreffenden Person (d.h. Gesundheitszustand) sowie ihre Erwerbsmöglichkeiten (d.h. Chancen auf dem Arbeitsmarkt) als zusätzliche Kriterien für die Berentung herangezogen worden. Neben der "Regelaltersrente" wurden verschiedene gesetzliche Regelungen etabliert, die den Übergang in den Ruhestand zu einem multifaktoriell bestimmten Entscheidungsprozess werden lassen (Behrend 1997). Rentenrechtliche Regelungen haben allerdings nicht allein für die betroffenen Personen Konsequenzen, sondern beeinflussen auch Unternehmen in ihren Entscheidungen. Die Verzahnung von Renten- und Arbeitslosenversicherung kann betriebliche Freisetzungsstrategien älterer Arbeitnehmer intensivieren (Rosenow & Naschold 1994; Rosenow 1998). Rentenrechtliche Regelungen, mit denen eine Flexibilisierung von Altersgrenzen intendiert ist, schaffen damit "soziale Wirklichkeiten": Gesetzlich festgeschriebene Altersgrenzen bedeuten auch, dass Arbeitnehmer des betreffenden Alters auf dem Arbeitsmarkt als "Kandidaten für den Rentenzugang" gelten (Alber & Schölkopf 1999). Seit den 70er Jahren zeigt sich für Männer (nicht jedoch für Frauen) ein Trend zum frühzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben (Wübbeke 1997).

Eine gegenläufige Determinante für die Regulierung von Altersgrenzen ist die Finanzlage der Rentenversicherung (Schmähl 1988 u. 1999a). Angesichts des demographischen Struktur- wandels werden Altersgrenzen zunehmend auch durch die Leistungskraft der Rentenversicherungen beeinflusst (s. dazu auch Kapitel 5). Als Reaktion auf die Finanzierungsprobleme, die sich für die gesetzliche Rentenversicherung aus der zukünftigen demographischen Entwicklung ergeben, wurden in den Rentenreformgesetzen 92 und 99 die Altersgrenzen für den Rentenbezug angehoben und Rentenabschläge bei vorgezogenem Rentenbeginn (sowie Rentenzuschläge für hinausgeschobenen Rentenbeginn) eingeführt. Ziel dieser Regelungen ist, den Trend zur Frühverrentung umzukehren, um auf diese Weise die Beitragsdauer zu verlängern und die Rentenlaufzeiten zu verkürzen. Angesichts dieser gegensinnig wirksamen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und bei den Regelungen des Rentenzugangs ist zu fragen, wie sich der Austritt aus dem Erwerbsleben und der Eintritt in den Rentenbezug in Zukunft entwickeln wird. Zunächst sollen jedoch die institutionalisierten Pfade des Berufsaustritts und das gegenwärtige Rentenzugangsgeschehen betrachtet werden.

Weiter zu:

Der Übergang in die Rente

Entwicklung der Rentenzugangspfade

Rentenzugangsgeschehen bei Männern

Rentenzugangsgeschehen bei Frauen

Formen des Übergangs in den Ruhestand

Entwicklung der Rentenzugangsmöglichkeiten

Fazit

 
link Gerontologie

Vorwort

Kapitel

Ressourcen des Alters aus individueller und gesellschaftlicher Perspektive

Wechselwirkungen zwischen individueller und gesellschaftlicher Verantwortung

Chancen und Anforderungen des Alters

Kompetenzen älterer Menschen

Ressourcen für ein mitverantwortliches Leben: Das Engagement älterer Menschen in sozialen Beziehungen sowie für unsere Gesellschaft

Kapitel 2

Altersbilder

Kapitel 3

Gesundheit und Versorgungssystem als Ressource

Die gesundheitliche Qualität der gewonnenen Jahre – bisherige Entwicklung und Perspektiven der behinderungsfreien Lebenserwartung

Somatischer Gesundheitszustand

Psychischer Gesundheitszustand

Pflegebedürftigkeit — statistische Angaben

Gesundheits- und Pflegeversorgung

Therapie- und Versorgungsaspekte: Die Potenziale zur Behandlung älterer Patienten mit psychischen Störungen

Pflegerische Versorgung

Perspektiven der Finanzierung und Vergütung einer integrierten Versorgung

Kapitel 4

Arbeit und Arbeitswelt als Ressource

Erwerbsbeteiligung, Erwerbslosigkeit und Erwerbsformen Älterer

Ältere Arbeitnehmer aus betrieblicher Perspektive

Zur Veränderung betrieblicher Personalpolitik

Ressourcen, Einbußen und Kompensationsmöglichkeiten älterer Arbeitnehmer

Der Übergang in den Ruhestand

Kapitel 5

Ökonomische Ressourcen im Alter

Quellen und Determinanten der Einkommens- und Vermögenssituation im Alter

Zur Einkommenslage im Alter in den neunziger Jahren - Unterschiede und Entwicklungslinien

Heterogenität der Einkommenslage in Westdeutschland

Armut im Alter

Vermögensbestände

Entwicklungstendenzen der Einkommenslage I: Einige Ergebnisse der AVID ’96

Entwicklungstendenzen der Einkommenslage II: Ergebnisse der Simulationsstudien

Kapitel 6

Soziale Ressourcen

Austausch und Hilfe in sozialen Netzwerken

Bürgerschaftliches Engagement

Kapitel 7

Räumliche, infrastrukturelle und technische Umwelten als Ressource

Kapitel 8

Rechtliche Umwelt als Ressource

Kapitel 9

Literaturliste