
Die Übersicht "Das Altersbild im Wandel der Geschichte" zeigt als Skizze, wie sich das Altersbild im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt hat.
| Zeitgeist | Altersbild allgemein | Altersbild in der Literatur | Altersbild in der Malerei | Altersbild in der Medizin | |
|---|---|---|---|---|---|
| Frühe Neuzeit | 16. - 17. Jahrh., Zeit der Epidemien, Kriege, Pestwellen | Alter ist Jammer, Bürde, Makel, Zerfall, Vorstufe des Todes | Griesgrämige Alte und das von Krankheit verseuchte Alter störten die fast närrische Lust zum Leben (Elias 1978). Schriftsteller beklagen das Leiden und schildern die Qualen des alten Menschen. | Das Alter wird als Vorstufe des Todes in extremer Grausamkeit gezeigt: als "Aas, Würger und Knochenmann | Hoffen auf schnelle Erlösung |
| Aufklärung | 2. Hälfte des 18. Jahrh., Zeit der Versittlichung und Sozialdisziplinierung, Zeit des Pietismus | Die Alten profitieren vom Zeitgeist der Höflichkeit und werden geachtet. Alter wird zum erstrebenswerten Gut | zitiert nach Böck, 1953: "Insgeheim halt man eben das, was alt ist, für das Best". In Trauercarmina und Klagezypressen werden verstorbene Eltern geehrt. Schriftsteller beklagen nicht mehr die Leiden des alten Menschen, sondern rühmen ihre Weisheit. | Der Mensch setzt sich gegen den Tod zur Wehr und lässt sich nicht mit hängenden Armen ins Grab gleiten (z. B. Radierungen von Chodowiecki) | Nachdenken über Lebensverlänge- rung. "Makrobiotik oder die Kunst das Leben zu verlängern" (Hufeland) |
| Biedermeier- zeit | Ab Beginn 19. Jahrh.Zeit der Industrialisierung, Verstädterung, gärende Unruhe im politischen- und gesellschaftlichen Leben, Zeit der Flucht in die Häuslichkeit, um dort eine schönere Gegenwelt zu finden. | Die Alten gelten als Repräsentanten einer Traumwelt ohne Eisenbahnen und Fabrikschlote und Träger der alten Tugenden. Die Alten werden verherrlicht, der rauhe Alltag mit seiner Not findet keinen Platz. Jüngere staffieren sich mit Bart, Spitzbauch und Kneifer aus, um älter zu wirken um in Beruf und Gesellschaft ernst genommen zu werden. Altern bedeutet Verlust an körperlichen Vorzügen und Zugewinn an geistigen. | Zeit der Familienromane, die von Vater-, Großvaterliebe, Mutter- und Großmutterliebe überquillt. Beliebteste Motive der Literatur: "der Oheim, der für seinen Neffen sorgt, Tantchen, das selbstlos im Haushalt hilft...etc." Zeitschrift "Die Gartenlaube", die das Bild der Idylle zusätzlich popularisiert. | Kunst der Gartenlaube, in die die Alten im Kreis ihrer Enkelkinder abgeschoben werden und selbstgefällige Behaglichkeit ausstrahlen. | Etablierung der medizinischen Fachdisziplinen führen gegen Ende des Jahrhunderts zur Trennung der heilbar Kranken von den pflegebedürftigen Alten. |
| Ab 20.Jahrhundert | Zeit der Hochindustriali- sierung, Arbeiterfrage, 1. Weltkrieg, Weimarer Zeit, Nationalsozialismus | Jugend, sportlich geübte Körper und eine körperbezogene Mode wurden Programm, denen sich die Alten unterzuordnen hatten. Der alte Mensch musste dem leistungsfähigen, starken und dynamischen jungen Menschen Platz machen. | In der Literatur steigern sich die Angriffe auf die Ältern bis zur Verhöhnung. Fritz Unruh zeichnet in seinem Schauspiel "Stürmer" beispielsweise die ältere Generation nur als lächerliche Karikaturen. Hitlers Pressechef Otto Dietrich schreibt 1934: "Jugend ist Ringen nach fortschreitender Lebensgestaltung. Nationalsozialismus ist organisierter Jugendwille". | Die Alten werden nicht mehr in der Traumwelt Gartenlaube, sondern ins Altenheim - von der Wirklichkeit umgeben - plaziert. Die Maler zeichnen reale Zustandsbilder, die die tiefe Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit verdeutlichen. | Zeitalter der Diagnosen. Freund Hein wird mit der Spritze und Röntgenstrahlen in die Flucht geschlagen. Alter ist Krankheit, Verschleiß und Abnutzung, die es zu heilen gilt. |
Quelle: Borscheid. Der alte Mensch in der Vergangenheit. In: Baltes, Mittelstraß, Staudinger (1992). Alter und Altern