Das Ansehen des alten Menschen war in der
Geschichte häufigen Wandlungen unterworfen.
Verunglimpfung, Achtung, Missachtung und Huldigung des Alters
wechselten je nach Epoche und Land.
Die Behauptung, der alte Mensch sei früher, eingebunden in
eine Großfamilie - in der Alt und Jung in Harmonie
zusammenlebten - versorgt gewesen, ist falsch und verklärt die
tatsächliche Situation.
Bis zu Beginn der Industrialisierung war die Versorgung in einer
Großfamilie nur einer kleinen Gruppe alt gewordener Menschen
vergönnt. Nur 1-2% der Bevölkerung wurden überhaupt
65 Jahre alt. Dieser kleine Anteil alt gewordener Menschen hatte
meist die Angehörigen durch Krankheit und Tod verloren.
Bis ins frühe 20. Jahrhundert war Alter gleichbedeutend mit
Invalidität und war biologisch bestimmt.
Ein bestimmtes kalendarisches Alter spielte in der
Einschätzung als "alt" keine Rolle.
- Alt war, wer sich alt fühlte,
- wer seine Hausherrenstellung auf Jüngere
übertrug,
- wer mit entsprechender Kleidung seiner Umwelt sein
Alter signalisierte (Borscheid 1992, 38).
Eine soziale Setzung der Altersphase als eigenständige
Lebensphase des "Ruhestandes" bildete sich erst in der Zeit der
Weimarer Republik (aufgrund des steigenden Lebensstandards, der
Rationalisierung der Wirtschaft und der Entwicklung der
Rentensysteme) heraus (vgl. Borscheid 1992). Die große
Mehrheit alter Menschen war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein
gezwungen, bis an ihr Lebensende zu arbeiten. "Die eigene
Arbeitskraft" war für alte Menschen die maßgeblichste
Komponente zur Sicherung der Lebensbedarfe.
Entgegen der romantisierenden Auffassung, vom in der
Großfamilie versorgten alten Menschen, war der Umgang mit
alten Menschen im Alltag sehr stark von Schichtzugehörigkeit,
Geschlecht und Besitz abhängig.
Typisch für die vorindustrielle Zeit war das Streben der
Älteren nach Unabhängigkeit von der nachfolgenden
Generation. Wenn Mehrgenerationshaushalte sich bildeten, geschah
das hauptsächlich aus demographischen oder sachlichen
Zwängen (Erbrecht; hohes Heiratsalter, große
Geburtenabstände und relativ geringe Lebenserwartung). Alte
Menschen trachteten nach "trennenden Wänden" oder nach einer
gut überbrückbaren räumlichen Trennung von den
Kindern. Eine Haushaltstrennung schloss Interaktionen und
Austauschprozesse innerhalb der - wo vorhanden - mehrere
Generationen übergreifenden Familie nicht aus (Rosenmayr
1996).
Wie die Antike den alten Menschen sah und mit ihm
umging
Altwerden und Altsein im Alten Orient