Krankenpflege, Altenpflege,Gerontologie,Geriatrie  
Krankenpflege Transparentgif

Professionelle Krankenpflege erfordert innovatives Denken und Handeln im Berufsalltag.


Altenpflege - Krankenpflege: Informationen aus Altenpflege & Krankenpflege



Älterwerden im nächsten Jahrtausend

Ursula Lehr

Wir leben in einer alternden Welt. Immer mehr Menschen erreichen ein immer höheres Lebensalter - eine Tatsache, die zu begrüßen ist, wenngleich die zunehmende Langlebigkeit eine Herausforderung für jeden einzelnen, aber auch für die Gesellschaft bedeutet.

Lag um die Jahrhundertwende die durchschnittliche Lebenserwartung bei nur 45 Jahren, so liegt sie heute - hundert Jahre später - bei uns in Deutschland für den neugeborenen Jungen bei 74 Jahren, für das neugeborene Mädchen bei achtziger Jahren. Man kann davon ausgehen, daß sich pro Jahr die Lebenserwartung der Neugeborenen um etwa drei Monate verlängert. So wird im nächsten Jahrtausend die durchschnittliche Lebenserwartung weiter steigen.

Auch schon heute hat der bereits Sechzigjährige im Durchschnitt noch 23 weitere Lebensjahre vor sich. Das heißt, man verbringt heutzutage ein Viertel seines Lebens als Rentner oder Pensionär - bei besserer Gesundheit, als dies zu Zeiten unserer Eltern und Großeltern der Fall war. Von hier aus gesehen gibt es keinen Grund, so frühzeitig aus dem Berufsleben auszuscheiden. Hier werden wir uns im nächsten Jahrtausend auf Veränderungen einzustellen haben.

Deutschland ergraut, Europa ergraut, ja die ganze Welt ergraut. Der Anteil der über Sechzigjährigen in der Bevölkerung steigt und steigt, der Anteil der unter Zwanzigjährigen sinkt und sinkt. Waren es um 1900 fünf Prozent der Bevölkerung, die sechzig Jahre und älter waren, so sind es heute 22 Prozent, und es werden im Jahr 2040, wenn unsere heutigen Abiturienten die sogenannte "Altersgrenze" erreicht haben, etwa 38 Prozent sein. Jeder dritte Einwohner Deutschlands wird dann älter als sechzig Jahre sein!

Aber nicht nur der Anteil der über Sechzigjährigen nimmt zu, sondern auch jener der über Siebzig-, Achtzig- Neunzig- und über Hundertjährigen. Vor 35 Jahren lebten in Deutschland 265 Hundertjährige und Ältere; vor fünf Jahren waren es 4600, und heute rechnet man mit etwa 10 000 Personen, die einen dreistelligen Geburtstag feiern können. Weltweit steigt die Zahl der centenarians, von denen etwa jeder dritte noch so kompetent ist, daß er - oder sie - alleine den Alltag meistern kann. Ein zweites Drittel der über Hundertjährigen braucht Hilfe, kann aber noch außer Haus gehen - und das dritte Drittel dieser Hochbetagten schließlich ist hausgebunden und bettlägerig und braucht Pflege in mehr oder minder starkem Ausmaß. Die Gruppe der Hochbetagten oder Langlebigen, die der über Achtzigjährigen, ist die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe in unserer Gesellschaft.

Dieser Anteil der kompetenten Hochbetagten wird in Zukunft steigen, da es - dank besserer Gesundheit, aber auch dank technischer Entwicklungen - immer leichter sein wird, die Hausarbeit alleine, ohne fremde Hilfe zu bewältigen. Was hat sich diesbezüglich schon in den letzten hundert Jahren getan! Die Jüngeren von heute können sich keine Zeit ohne Zentralheizung, Waschmaschine, Kühlschrank, elektrisches Bügeleisen, Staubsauger oder ohne Spülmaschine mehr vorstellen. Und diese Entwicklung geht weiter. Das sogenannte "intelligente Haus" der Zukunft wird das Leben im Alltag noch mehr erleichtern und auch vielen Behinderten ein selbständiges Leben ermöglichen.

Freuen wir uns doch über die zunehmende Langlebigkeit, zu der technische, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen, Forschungen auf den verschiedensten Gebieten, vor allem aber auch die Fortschritte in der Medizin, der Medizintechnik, der Pharmazie und ein gesundheitsbewußterer Lebensstil beigetragen haben. Die Gesundheit der Menschen wird sich weiter verbessern. Das Wissen um Präventionsmaßnahmen, Vorsorgeuntersuchungen mit fortentwikkelter Diagnostik, treffendere und schonendere therapeutische Maßnahmen wie ein starker Ausbau der Rehabilitationsmöglichkeiten werden dies ermöglichen.

So wird in Zukunft der Anteil der Pflegebedürftigen weiter sinken oder zumindest in ein höheres Lebensalter verschoben werden. Schon heutzutage muß Altwerden keineswegs bedeuten, auch pflegebedürftig zu werden. Pflegebedürftigkeit wird heute überhaupt erst jenseits der 85 ein Problem und wird in Zukunft sogar erst in einem noch höheren Alter auftreten. Man bedenke, selbst in der Gruppe der Hochbetagten sind nur zwanzig bis dreißig Prozent auf Pflege angewiesen, und mehr als siebzig von hundert der über 85jährigen sind so kompetent, daß sie allein ihren Alltag meistern können.

Freilich, die zunehmende Langlebigkeit kann dann zu einem Problem werden, wenn wir uns nicht darauf einstellen und unseren Blick nicht in die Zukunft lenken. So hat zunächst einmal jeder einzelne selbst etwas dazu beizutragen, möglichst "gesund" alt zu werden. Aber auch die Gesellschaft ist gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen für ein "gesundes Altwerden", für ein Altwerden bei Wohlbefinden, zu schaffen.

Sinkende Geburtenrate

Die Zunahme des Anteiles der Älteren in unserer Bevölkerung ist allerdings auch durch die sinkenden Geburtenraten zu erklären. Selbst so kinderfreundliche Länder wie Spanien und Italien mit durchschnittlich 1,17 beziehungsweise 1,18 Kindern pro Frau konstatieren ein Sinken der Geburtenrate und stehen damit im Vergleich an letzter Stelle in Europa. Deutschland mit 1,24 Kindern hat die drittniedrigste Geburtenrate von allen Ländern in der EU - und es ist nicht anzunehmen, daß es hier (trotz familienpolitischer Leistungen) zu Veränderungen kommen wird. Die Gründe sind vielseitig und liegen

  • einmal in den seit den sechziger Jahren gegebenen besseren Möglichkeiten der Familienplanung,
  • aber auch in der verlängerten Jugendzeit,
  • in der sich oft bis in das vierte Lebensjahrzehnt hineinziehenden Berufsausbildung,
  • in der in ein immer höheres Lebensalter hinausgeschobenen Heirat; in der gesellschaftlichen Akzeptanz partnerschaftlicher enger Beziehungen ohne Trauschein

und nicht zuletzt in der Tatsache, daß ein mehrjähriges Alleinewohnen zu einer verstärkten Ausbildung der Individualität führt, in der sich Gewohnheiten und Eigenheiten bilden, in der ein ganz individueller eigener Lebensstil kreiert wird, der dann schon eine Anpassung an einen Partner, erst recht aber an Kinder sehr erschwert. Von hier aus gesehen sind auch verstärkte Scheidungsraten in Zukunft zu erwarten. Waren zu Beginn unseres jetzt zu Ende gehenden Jahrhunderts noch vier, fünf und mehr Kinder die Norm (von denen freilich einige nicht einmal das Schulalter erreichten), so sind es heute ein bis zwei Kinder; aber viele junge Paare verzichten ganz auf Kinder - und dies nicht nur aus egoistischen oder gar finanziellen Erwägungen.

Der Aufbau unserer Bevölkerung - der sich von der "Bevölkerungpyramide" zu der Form eines "Pilzes" entwickelt - macht deutlich, wie sich das Verhältnis zwischen den Generationen verändert hat. Kamen vor hundert Jahren auf einen über 75jährigen noch 79 jüngere Personen, so sind es heute nur dreizehn. Und man hat berechnet, daß im Jahr 2040 ein über 75jähriger sogar nur noch sechs bis sieben Personen gegenüberstehen wird, die jünger als 75 Jahre sind.

Das veränderte Verhältnis zwischen den Generationen hat aber zudem auch qualitative Aspekte: So haben wir einen Rückgang der Zwei- und Drei-Generationen-Haushalte. Nur 1,1 Prozent von allen 34 Millionen Haushalten in der Bundesrepublik sind 3-Generationen-Haushalte. Rund 34 Prozent aller Haushalte in Deutschland sind heute Ein-Personen-Haushalte (im Jahre 1900 waren es nur 4,9 Prozent ). Diese zunehmende "Singularisierung" und Individualisierung hat Konsequenzen sowohl in bezug auf die Kinderbetreuung als auch in bezug auf etwaige notwendig werdende Hilfs- und Pflegeleistungen im höheren Alter. Es wird jedoch in Zukunft häufiger zu engen Sozialkontakten mit nichtverwandten Personen kommen. Die Kommunikation zwischen den Menschen wird - dank Fax, E-Mail und Internet - eher noch verstärkt, selbst über weit getrennte Wohnorte hinweg; große Entfernungen verringern sich, rücken im Erleben immer näher zusammen. Die gegenseitige Anteilnahme am Leben der relativ wenigen Familienmitglieder, aber auch vieler anderer bekannter und befreundeter Menschen wird größer werden.

Die "jungen Alten"

Die Großfamilie ist schon ausgestorben - wenngleich heute drei, vier oder gar fünf Generationen einer Familie so lange wie nie zuvor zur gleichen Zeit leben - wenn auch nicht unter einem Dach oder am gleichen Ort. In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts kannte ein Kind bestenfalls zwei seiner Großeltern, zwei waren bereits verstorben. Heute leben vielfach alle vier Großeltern und noch zwei Urgroßeltern dazu. Rund zwanzig Prozent der über Sechzigjährigen haben Urenkel - aber auch zwanzig Prozent der über Sechzigjährigen haben noch einen lebenden Elternteil. In unserer Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters, die an den Universitäten Heidelberg und Leipzig durchgeführt wird, hatten von den 1930/31 Geborenen als Mittsechziger noch 38 Prozent lebende Eltern oder Schwiegereltern, achtzehn Prozent sogar sowohl Eltern als auch Schwiegereltern.

Unsere Großelterngeneration, die man oft als die "jungen Alten" bezeichnet, unterstützt heutzutage oft sowohl ihre alten Eltern als auch ihre Kinder und Kindeskinder. Großeltern sind weit häufiger die "Gebenden" als die "Nehmenden". Den vielzitierten "Generationenkonflikt" findet man in der Familie heutzutage seltener als zu Beginn unseres Jahrhunderts, wo eine stärkere gegenseitige finanzielle Abhängigkeit gegeben war und wo außerdem eine Vielzahl von Normen, Regeln und Geboten beziehungsweise Verboten den Lebensraum der Kinder bis in das Erwachsenenalter hinein einengte. Unsere biographischen Studien machen deutlich, daß das Leben der 1890 bis etwa 1925 Geborenen, vor allem der Frauen, damals weit mehr durch Konflikte mit dem eigenen Elternhaus bestimmt war, als dies für die Jüngeren der Fall ist. Familiäre Generationenkonflikte werden sich auch in Zukunft nicht verstärken.

Der Generationenvertrag

Generationenkonflikte deuten sich höchstens im politischen, vielleicht auch im beruflichen Bereich an, werden aber zum Teil auch erst herbeigeredet oder aufgebauscht: Die jüngere Generation (genauer: einige ihrer Vertreter) stöhnt über die hohen Einzahlungen in die Rentenkassen und bangt um die eigene Alterssicherung in zwanzig, dreißig Jahren.

Der Drei-Generationen-Vertrag ist schon heute zu einem Fünf-Generationen-Vertrag geworden. Ende des letzten Jahrhunderts wurde der Drei-Generationen-Vertrag ins Leben gerufen. Er besagt: Diejenigen, die im Erwerbsleben stehen, haben durch ihre Steuern und Beiträge für jene aufzukommen, die noch nicht ins Erwerbsleben eingetreten sind, und ebenso für diejenigen, die bereits aus dem Arbeitsprozeß ausgeschieden sind. Damals lag das durchschnittliche Eintrittsalter in den Beruf zwischen fünfzehn und sechzehn Jahren: eine Berufsschule gab es (leider) noch nicht; eine weiterführende Bildung oder gar ein Studium konnten sich nur wenige leisten - Frauen schon gar nicht. Das Schuleintrittsalter lag bei fünf Jahren, und die Volksschulzeit betrug nur acht Jahre. So hatte man mit fünfzehn Jahren bereits (wenn auch wenig) verdient und seine Beiträge abgeführt, hatte von fünfzehn Jahren an in die Rentenkassen eingezahlt. Die Altersgrenze wurde unter Bismarck auf siebzig Jahre festgelegt (ein Alter, das damals die meisten Menschen gar nicht erreichten). Erst 1916 wurde die Altersgrenze auf 65 Jahre reduziert. Das heißt also, daß die Fünfzehn- bis Siebzigjährigen für jene aufzukommen hatten, die noch nicht 15 waren, und für die über Siebzigjährigen - und das waren um 1900 zwei Prozent der Bevölkerung. Dieser Drei-Generationen-Vertrag funktionierte lange Zeit.

Doch wie sieht es heute aus? Wir haben ein durchschnittliches Berufs-Eingangsalter - allerdings nach Abschluß der Berufsschule - bei 25 Jahren. Immer mehr junge Menschen kommen in den Genuß einer weiterführenden Bildung, was sehr zu begrüßen ist. Daß das durchschnittliche Alter, in dem man seinen ersten Universitätsabschluß macht, Magister oder Diplom, allerdings bei 28 Jahren liegt, ist weniger erfreulich. Und das Berufsende liegt in der Realität heute bei 58/59 Jahren - begünstigt durch Vorruhestand, Frühverrentung, Sozialpläne und Altersteilzeit (ein Begriff, der vielfach ein Etikettenschwindel ist, denn es handelt sich nicht um eine Teilzeitbeschäftigung, die aus vielen psychologischen Gründen für ältere Arbeitnehmer zu begrüßen wäre, sondern um eine vorzeitige Ausgliederung).

Tatsache ist, daß die Gruppe der im Erwerbsleben Stehenden, der 25- bis 58jährigen, heute einerseits für diejenigen aufzukommen hat, die noch nicht im Berufsleben stehen - und das sind manchmal bereits zwei Generationen, denn mancher dreißigjährige Student hat sein Kind im Kindergarten -, und andererseits für die große Gruppe jener Menschen, die aus dem Berufsleben ausgeschieden sind - und das sind nicht wie vor hundert Jahren zwei Prozent der Bevölkerung, sondern rund 26 Prozent und ebenfalls zwei Generationen. Vater und Sohn, Mutter und Tochter gleichzeitig im Rentenalter, das ist heute keine Seltenheit.

Daß dann die Generation der im Erwerbsleben Stehenden über zu hohe Abgaben stöhnt, ist verständlich. Die zunehmende Langlebigkeit muß berücksichtigt werden, der Einbau eines demographischen Faktors in der Rentenberechnung tut not!

Leistungen heutiger Rentner

Dennoch, das Aufbegehren mancher "junger Wilder", die als 33jährige Soziologen oder Juristen selbst weder in das Berufsleben eingetreten sind noch eine Familie gegründet haben und die den Generationenvertrag nun kündigen wollen, scheint mir nicht ganz gerechtfertigt. Zunächst ist zu bedenken, daß viele der heutigen Rentner - oft gegen ihren Wunsch - vorzeitig aus dem Berufsleben ausgestiegen sind, um den Jungen einen Arbeitsplatz zu sichern. Daher dürfen diese Jungen den Rentnern die "Rentenlast" oder "Alterslast" nicht vorwerfen und über erhöhte Einzahlungen in die Rentenkassen klagen. Außerdem sollte man sich bewußt machen, daß viele der heutigen Rentner ein 45jähriges Berufsleben hinter sich haben - was die jungen Aufbegehrer nie erreichen werden. Viele der heutigen älteren Rentner kannten noch die 60-Stunden-Woche, bestimmt aber die 48- und dann die 45-Stunden- Woche. Der Samstag war für sie ein voller Arbeitstag, und der Urlaub betrug zwölf Tage im Jahr, Samstage mit eingerechnet. Erst 1957 wurde der Jahresurlaub auf vierzehn (!) Tage erweitert.

Die Senioren von morgen werden freizeiterfahrener sein. Sie hatten die Chance, in ihrer Jugendzeit und ihrem jungen Erwachsenenalter mehr Hobbys zu entwickeln, mehr Interessen nachzugehen, in vielen Sportarten aktiver zu sein, als es der heutigen Seniorengeneration vergönnt war. So wird die im nächsten Jahrhundert zunehmende Freizeit vielleicht von ihnen vielseitiger genutzt werden und nicht nur zu einem vermehrten Fernsehkonsum führen, der - wie kürzlich Opaschowski feststellte - bei vielen Senioren heute den Fernsehabend schon um 14.00 oder 15.00 Uhr mit den entsprechenden Talk-Shows beginnen läßt.

Bei einem Vergleich sollte man weiter berücksichtigen, daß die heutigen Rentner für ihre Berufsausbildung - und zwar auch für die Lehre - noch selbst zahlen mußten; an ein Azubi-Gehalt oder BAföG war nicht zu denken. Vielfach mußten sie auch noch ganz für die Berufsausbildung ihrer Kinder zahlen. Sie haben mehr Kinder großgezogen als die jüngere Generation heute - und das in Zeiten, in denen es weder Erziehungsurlaub noch Erziehungsgeld beziehungsweise Kindergeld gab. Hier haben sich die Zeiten grundlegend verändert, in vieler Hinsicht verbessert.

Weiterhin sollte bedacht werden: Die Staatsausgaben im Bereich der Bildung, von denen ja hauptsächlich die jüngeren Generationen profitieren, sind enorm gestiegen. Das ist notwendig und unbedingt zu begrüßen. So werden auch mehr Rentner des nächsten Jahrhunderts eine weiterführende Schule besucht haben, Fremdsprachen beherrschen und durch lebenslange vielfältige geistige Herausforderungen einem Intelligenzabbau im Alter vorbeugen können.

Es ist sicher falsch, die Abgabenlast der heute Erwerbstätigen, die sogenannte "Rentenmisere", losgelöst von all diesen Entwicklungen zu diskutieren und einseitig die langlebigen Rentner, die statt zwei nun siebzehn, achtzehn Jahre und länger Rente beziehen, verantwortlich zu machen. Wir haben neben der zunehmenden Langlebigkeit doch auch eine verlängerte Jugendzeit mit stark verlängerter (kostenintensiver) Ausbildungsphase und verspätetem Berufseintritt. Dies wird in den Diskussionen zum "Generationenkonflikt" kaum berücksichtigt. Die dadurch bedingte kürzere Einzahlung in die Rentenkasse könnte ein Grund sein, höhere Beiträge in Kauf zu nehmen. Andererseits werden auch die meisten Rentner durchaus bereit sein, für ihr längeres berufsfreies Leben eine leichte Absenkung der Rentenbeträge in Kauf zu nehmen - vorausgesetzt, die Rente bleibt berechenbar, bleibt nettolohn- und leistungsbezogen. Die Älteren von heute, aber auch die von morgen und übermorgen haben ein Recht, an der allgemeinen Wohlstandsentwicklung der Gesellschaft teilzunehmen, deren Weg sie durch ihre eigene Arbeit vorbereitet haben; sie haben aber auch die Pflicht, etwaige Lasten mit den jüngeren Generationen zu teilen. Ein gleichbleibender Nettolohn oder gar ein Sinken desselben bei den Erwerbstätigen muß sich gerechterweise auch auf die Renten auswirken.

Flexiblere Altersgrenze

Doch bei einem Blick in die Zukunft seien auch andere Überlegungen erlaubt zu Maßnahmen, die das Älterwerden im nächsten Jahrtausend beeinflussen können. Es wäre durchaus denkbar, daß sich die Zeit des sogenannten "aktiven Lebens" verlängert, daß die "Altersgrenze" in ein höheres Lebensalter hin verschoben wird. Wir leben länger, sind gesünder als die Menschen zu Beginn des letzten Jahrhunderts, warum sollten wir dann nicht länger erwerbstätig bleiben? Freilich, hier wird es berufs- und tätigkeitsspezifische Unterschiede geben, die zu berücksichtigen sind. Aber es wäre wünschenswert, daß auch bei uns in Deutschland die Altersgrenze eine stärkere Flexibilität erfährt - wie wir dies ja in anderen Ländern bereits kennen.

Man könnte sich auch bei uns eine - auf freiwilliger Basis erfolgende - Weiterbeschäftigung vorstellen, vorausgesetzt, die wirtschaftliche Lage und die Situation auf dem Arbeitsmarkt erlauben es. Es muß ja nicht unbedingt die 38-Stunden-Woche sein! Hier wäre eine Teilzeitbeschäftigung - sei es dreißig, 27, 25, zwanzig oder auch nur fünfzehn Stunden die Woche - durchaus sinnvoll. Der Mann, die Frau, die in ihren Sechzigern noch erwerbstätig sind, schmälern nicht nur die Rentenkassen, im Gegenteil, sie zahlen sogar noch in diese ein.

Untersuchungen zeigen sehr deutlich: Die berufliche Leistungsfähigkeit bleibt in den meisten Bereichen erhalten, wird auf manchen Gebieten mit zunehmendem Alter sogar noch gesteigert, vor allem, wenn eine berufsbegleitende Weiterbildung erfolgt. Eine berufliche Tätigkeit, die weder überfordert noch unterfordert, kann sich in vieler Hinsicht günstig auf den Alternsprozeß auswirken. In der Berufstätigkeit ist auch ein Trainingsfaktor zu sehen, der körperliche, geistige und soziale Aktivitäten herausfordert und dadurch für einen Erhalt der entsprechenden Fähigkeiten im Alter sorgt. Die Berufstätigkeit vermittelt außerdem dem älteren Menschen das Gefühl, gebraucht zu werden, was zur Lebensqualität und vor allem auch zur Gesundheit im Alter beiträgt. Der berufliche Einsatz Älterer, Erfahrener kommt aber auch den Betrieben zugute, die vom Expertenwissen oft profitieren können.

Doch auch dies läßt sich nicht verallgemeinern. Die wichtigste Erkenntnis gerontologischer Forschung läßt sich in der Feststellung zusammenfassen: Das Altwerden und das Alter gibt es nicht. Es existieren keine Altersnormen, sondern nur eine Vielzahl von Alternsformen. Gleichaltrige sind oft unterschiedlicher in ihrem Erleben und Verhalten, in ihren Leistungen und ihrem Gesundheitszustand als Menschen mit einem Altersabstand von zwanzig oder dreißig Jahren.

Kompetenzen erhalten

Die Politik hat dem gerecht zu werden und sollte diese Unterschiede beim Älterwerden unserer Gesellschaft berücksichtigen. Sie sollte Voraussetzungen schaffen, um die Kompetenzen älter werdender Menschen zu erweitern, zu erhalten.

Dem Bereich der Prävention ist eine weit größere Bedeutung einzuräumen. Es gilt, durch Aktivierung körperliche, seelisch-geistige und soziale Kräfte zu erhalten. Viele ältere Menschen wollen sich einsetzen, wollen sich engagieren, wollen etwas für die Gesellschaft tun - aber ihr Angebot wird nicht entsprechend nachgefragt; wertvolle Potentiale werden heute nicht genutzt. Politische Maßnahmen sollten sodann für einen verstärkten Ausbau von Rehabilitationsmöglichkeiten sorgen. Sehr oft kann eine rechtzeitig einsetzende fachgerechte geriatrische Rehabilitation eine dauernde Pflegebedürftigkeit verhindern. Der im Pflegegesetz festgeschriebene Satz "Rehabilitation vor Pflege" sollte endlich verwirklicht werden!

Politische Maßnahmen müssen auf die pflegebedürftigen Senioren gerichtet sein und für eine Qualitätssicherung der Pflege sorgen - auch bei der ambulanten Pflege und der Familienpflege. Ein Blick in die Zukunft zeigt uns, daß Familienpflege ihre Grenzen hat, daß professionelle Kräfte mehr und mehr gefragt sein werden.

Das nächste Jahrhundert, das nächste Jahrtausend wird viele Herausforderungen für eine älter werdende Gesellschaft bringen. Zunächst einmal ist jeder einzelne aufgefordert, sich mit diesen Herausforderungen und Chancen auseinanderzusetzen, sein Leben in der Zukunft zu planen, Vorsorge zu treffen, um möglichst "gesund" alt zu werden, auch im Hinblick auf seine zunehmende freie Zeit, seine Interessen und Hobbys, sein bürgerschaftliches Engagement - Vorsorge auch im Hinblick auf die Wohnsituation und die finanzielle Situation. Sodann ist die Gesellschaft aufgerufen, das in ihr noch heute vorhandene negative Altersbild zu korrigieren, die Potentiale vieler Älterer zu erkennen, zu aktivieren und zu nutzen.



 

Das Altersbild im Wandel der Geschichte

Pflege-Fachberufe im geschichtlichen Kontext

Organisation der Altenhilfe heute

Gesundheit - Krankheit im Alter

Gerontologische Fachthemen